Hat die Nasa bei “Lcross” versagt?

Auf Kollisionskurs: Die Aussicht von "Lcross" eine gute halbe Stunde vor dem Einschlag auf dem Mond. (Foto: Nasa)

Auf Kollisionskurs: Die Aussicht von "Lcross" eine gute halbe Stunde vor dem Einschlag auf dem Mond. (Foto: Nasa)

Irgendwas muss bei der Nasa gehörig schief gelaufen sein – und sei es in der Kommunikation: Eine Staubwolke, die sich „etwa zehn Kilometer über die Mondoberfläche erheben wird“, hatte man der Öffentlichkeit zum Abschluss der Lcross-Mission versprochen. Amateurastronomen wurden aufgefordert, den lange geplanten Einschlag einer ausgebrannten Oberstufe mit ihren Teleskopen zu verfolgen. Star Partys und öffentliche Übertragungen auf Großleinwänden wurden organisiert, das Ereignis war live im landesweiten Fernsehen zu sehen.

Und was gab es zu sehen? Nichts.

Keine Frage: Die Erwartungshaltung war hoch, wahrscheinlich zu hoch. Wissenschaft lässt sich nun mal nicht hundertprozentig vorausplanen, ganz besonders nicht, wenn es sich um völlig neue Experimente handelt. Nur, werden das die Menschen, die den Einschlag verfolgt haben, die mitten in der Nacht aufgestanden sind oder und der Kälte getrotzt haben, genauso sehen? Sagen die wirklich: Toll, jetzt haben wir mal am eigenen Leib erlebt, wie Wissenschaft funktioniert? Oder denken sie nicht eher: Typisch Nasa, gibt 80 Millionen Dollar aus und bringt wieder mal nichts (Greifbares) zustande?

In den vergangenen Tagen hat die Nasa jedenfalls nichts getan, um die Erwartungen zu dämpfen. Sie hat den Hype über ihre unzähligen Kommunikationskanäle eher noch angefacht. Selbst in der Pressemappe zur Mission, die meist eher vorsichtig und abwägend formuliert ist, ist von Zweifeln nichts zu lesen:

When the Centaur […] impacts the floor of a permanently shadowed crater at 1.55 miles per second (2.5 km/s,) there is an initial flash followed by the creation of a debris plume […] with some of the heavier material reaching a height of up to 6.2 miles (10 km) above the lunar surface. The debris plumes are expected to be visible from Earth- and space-based telescopes 10-to-12 inches and larger.

Vielleicht war sich die Nasa-Pressestelle einfach zu sicher, dass alles glatt gehen würde. So wie vor fünf Jahren bei der Kollision von Deep Impact mit dem Kometen Temple 1, die damals sogar zu einer Einschlagsparty ins Eso-Hauptquartier nach Garching übertragen wurde und beeindruckende Bilder lieferte. Vorsichtige Warnungen, dass immer etwas schief gehen kann oder womöglich gar nichts zu sehen sein wird, waren in den Tagen vor dem Einschlag von offizieller Seite jedenfalls nicht zu hören.

Hätten Sie überhaupt etwas geändert? Schwer zu sagen. In Zeiten der auf spektakuläre Bilder fixierten Massenmedien, in Zeiten von Hype-Verstärkern wie Twitter, wird es jedenfalls nicht leichter, abwägend zu kommunizieren – selbst wenn man es wollte. Und auf eine Live-Übertragung komplett zu verzichten, wäre wohl auch keine Option gewesen. Das hätte nur jenen Menschen in die Hände gespielt, die ohnehin bezweifeln, dass die Nasa jemals in der Nähe des Mondes war.

Trotzdem: Wenn die Nasa Lcross nun durch die Bank, vom Chef Charles Bolden bis zu Anthony Colaprete, dem wissenschaftlichen Leiter der Mission, als Erfolg feiert, ist das wenig hilfreich. Kann man sich als Nasa-Verantwortlicher nicht hinstellen und sagen: Sorry Leute. Wir hatten uns das anders vorgestellt, unsere Annahmen lagen daneben, dies und jenes könnte dazu geführt haben, dass die Mission nicht wie erhofft abgelaufen ist, aber so funktionieren Wissenschaft und Raumfahrt nun einmal? Stattdessen druckst Colaprete, der zwar äußert eloquent ist aber gleichzeitig auch so mitteilsam wie Helmut Kohl vor einem Untersuchungsausschuss, herum und verweist darauf, dass für Forscher ohnehin nur die (nicht sichtbaren) Aufnahmen der Spektrographen interessant sind. Aus wissenschaftlicher Sicht sicherlich richtig, aber so funktioniert Raumfahrt in der Öffentlichkeit nicht mehr. So hat sie eigentlich noch nie funktioniert. Der Start einer Mission oder der Ausstieg eines Astronauten ist – aus wissenschaftlicher Sicht – auch völlig uninteressant (solange er klappt), trotzdem sind es genau solche Bilder, die die Emotionen und die Faszination der Raumfahrt transportieren.

Bereits in den nächsten Tagen dürfte klar werden, ob Lcross Wasser gefunden hat. Colaprete will jedoch bis zum Jahrestreffen der American Geophysical Union Mitte Dezember in San Francisco warten, um die wissenschaftlichen Ergebnisse der Mission bekannt zu geben. Sollte die Sonde tatsächlich auf Wasser gestoßen sein, dürfte das – auch aus Kommunikationssicht – noch einmal für Spannung sorgen: Wird die Nasa, die derzeit dringend gute Nachrichten braucht, um ihr Mondprogramm zu retten, ihren Forscher wirklich so lange schweigen lassen? Es wäre eine ganz neue Form der Zurückhaltung.

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5 Antworten zu Hat die Nasa bei “Lcross” versagt?

  1. skyweek sagt:

    Colaprete sagte doch, dass er selbst womöglich noch heute sicher sein werde, ob Wasser in der (unsichtbaren) Wolke sei oder nicht, und dass man dies bekannt geben werde, sobald ein Konsens im Team besteht (dessen Principal Investigator er ist). Das kann irgendwann bald der Fall sein – zumal etwa die unabhängig agiernden Impaktbeobachter des Keck Observatory bereits für “Anfang nächster Woche” die Vorstellung ihrer Ergebnisse angekündigt haben. Die erste detaillierte wissenschaftliche Präsentation durch Colaprete et al. folgt dann auf dem AGU Fall Meeting: eine gute Wahl, denn das ist eine der drei ganz großen Planetenforschertagungen der Welt.

    • Alexander Stirn sagt:

      Ich hatte ihn so verstanden, dass er erst handfeste Beweise haben will (Colaprete sprach von einem “Case”), bevor er an die Öffentlichkeit geht und auch sein Team bis dahin stillhalten will. Dass das AGU Fall Meeting eine sehr gute Gelegenheit für die wissenschaftliche Präsentation der Ergebnisse ist, steht natürlich außer Frage. Und es ist natürlich immer eine schwierige Abwägung zwischen wissenschaftlicher Exaktheit/Vollständigkeit und dem Wunsch der Öffentlichkeit (die die Raumfahrt letztlich finanziert), möglichst schnell Ergebnisse zu hören.

  2. skyweek sagt:

    Wie Colaprete gerade bei einer Videokonferenz erzählt hat, will er am 17. November verraten, was sich in Sachen Wasser(dampf) getan hat.

  3. [...] Freitag hat die Nasa freudig mitgeteilt, dass sie beim gezielten Absturz einer ausgebrannten Raketenstufe auf dem Mond Spuren von Wasser entdeckt hat. Zwar wissen die [...]

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