Und es ist Licht

30. Mai 2009
Abends, 23.10 Uhr in Nordschweden: Die Sonne hat sich hinter ein paar Wolken versteckt, will aber nicht untergehen.

Abends, 23.10 Uhr in Nordschweden: Die Sonne hat sich hinter ein paar Wolken versteckt, will aber nicht untergehen.

Man kommt ja ein bisschen rum in diesem Job (Meine Eltern sagen immer: „Kind, was Du schon alles gesehen hast, mit Deinen jungen Jahren.“ – Ich bin zarte 36…). Aber irgendwie war ich bis vor wenigen Tagen noch niemals nördlich des Polarkreises – und schon gar nicht während der Mitternachtssonne.

So gesehen sind die Tage hier in Kiruna (mit 67° N die nördlichste Stadt Schwedens) eine echte Premiere, und ich weiß noch nicht so recht, ob sie mir gefällt. Den Rest des Beitrags lesen »


Ein Bild von einem Held

28. Mai 2009
Gern gesehen: Charles Boldens offizielles Astronautenfoto aus dem Jahr 1990. (Foto: Nasa)

Gern gesehen: Charles Boldens offizielles Astronautenfoto aus dem Jahr 1990. (Foto: Nasa)

Wenn in den USA ein neuer Minister ernannt wird, ein CIA-Chef oder ein Verfassungsrichter, würden die deutschen Medien wie selbstverständlich ein 19 Jahre altes Foto von dem Mann zeigen? Und warum machen sie es dann beim designierten Nasa-Administrator?

Als Barack Obama vergangenen Samstag Charles Bolden zum künftigen Nasa-Chef erkor (was nach den Spekulationen der Tage und Wochen zuvor alles andere als überraschend kam), zeigten die deutschen Online-Medien den Neuen durch die Bank im schnieken Nasa-Overall – ohne zu erwähnen, dass das Archivbild bereits 1990 entstand, kurz vor Boldens zweiter Shuttle-Mission STS-31.

Warum? Bequemlichkeit? Gedankenlosigkeit? Oder das schmucke, immer wieder gern gesehene Astronauten-Outfit? Ein Held, inklusive Sternenbanner im Hintergrund?

An mangelnden Alternativen kann es nicht wirklich gelegen haben. Zwar gibt es nicht viele aktuelle Bilder von Bolden (obwohl seine Nominierung absehbar war, aber das hatten wir ja schon), bei Getty finden sich aber durchaus einige Aufnahmen – zum Beispiel von einem China-Besuch im Jahr 2005. Dass die durchaus zu finden – und auch zu nutzen – sind, beweist unter anderem der Online-Auftritt vom Time Magazine


Der Chef-Check: Bolden vs. Dordain

24. Mai 2009

Zugegeben, es ist irgendwie unfair, die Chefs von zwei so grundverschiedenen Organisationen wie der US-Raumfahrtbehörde Nasa und ihrem europäischen Pendant Esa zu vergleichen. Also, machen wir’s trotzdem, rein subjektiv versteht sich. Schließlich sagen die Köpfe an der Spitze auch viel über ihre jeweilige Organisation aus, über Ziele und Selbstverständnis. Und noch – so kurz nach der Nominierung Charles Boldens zum neuen Nasa-Chef – ist über Beide etwa gleich viel bekannt.

Nasas Neuer: Charles Bolden (Foto: Nasa)

Nasas Neuer: Charles Frank Bolden Jr. (Foto: Nasa)

Esas Amtierender: Jean-Jacques Dordain (Foto: Esa/Sebirot)

Esas Etablierter: Jean-Jacques Dordain (Foto: Esa/Sebirot)

Beruf

General a. D.

Raumfahrtingenieur

Lebenslauf

Vietnamveteran, Testpilot, Astronaut, Held. Beinahe Vize-Nasa-Chef, Lobbyist, Pensionär.
Grußonkel des Shuttle-Vergnügungsparks in Cape Canaveral

Entwicklung von Raketenantrieben, Manager beim französischen Raumfahrtzentrum,
Manager bei der Esa. Grußonkel bei allen Esa-Starts

Dienstantritt

Demnächst, höchstwahrscheinlich

seit Juli 2003 (bis mindestens 2011)

Raumfahrt-Erfahrung

Vierfacher Space-Shuttle-Astronaut, setzte während seiner Flüge unter anderem das Weltraumteleskop Hubble im kalten, dunklen Weltraum aus. Verbrachte 680 Stunden und 37 Minuten im All.

Beinahe-Astronaut, gehörte zu den ersten fünf französischen Kandidaten,
blieb dann aber doch am Boden. Durfte einmal Neil Armstrong auf genau den Fuß treten, der als erstes auf dem Mond stand.

Länge des englischen Wikipedia- Eintrags (24. Mai 2009, 12.39
Uhr)

6896 Zeichen

735 Zeichen

Böses Gerücht

Kam nur zu dem Job, weil sein ehemaliger Shuttle-Kollege Bill Nelson,
heute ein einflussreicher demokratischer Senator, keinen anderen akzeptiert hat.

Kam nur zu dem Job, weil mal wieder ein Franzose an der Reihe war.

Größte Herausforderung

Die Vision eines Präsidenten zu erfüllen, der noch nicht weiß, was
seine Vision in Raumfahrtdingen überhaupt ist (oder es zumindest erfolgreich für sich behält).

Es allen 18 Esa-Mitgliedsstaaten (und demnächst sogar noch mehr) Recht
zu machen.

Dafür verfügbares Budget

etwa 13 Milliarden Euro

etwa 3 Milliarden Euro

Vision

Vision? Obama fragen!

Vision? Für Visionen ist in Europas Raumfahrt kein Platz.

Lieblingssatz

„Raumfahrt ist ohne Risiko nicht möglich.“

„Das müssen die Mitgliedsstaaten entscheiden.“


Habemus Astronautes!

21. Mai 2009
Die sechs angehenden Esa-Astronauten des 2009er Jahrgangs. Foto: Esa/S. Corvaja

Die sechs angehenden Esa-Astronauten des 2009er Jahrgangs. Foto: Esa/S. Corvaja

Europa hat sechs neue Astronauten. Okay, genauer gesagt, hat das europäische Astronautenkorps sechs neue Mitglieder – schließlich kann niemand genau sagen, wann, wie und ob die sechs Astronauten-Azubis jemals fliegen werden.

Trotzdem ein paar Eindrücke zur Auswahl:

  • Nur eine Frau. Falls die Sechs – wie Esa-Chef Jean-Jacques Dordain fast gebetsmühlenartig erzählt – wirklich nur wegen ihres Könnens ausgewählt worden wären, hätte die Esa ein ziemliches Problem mit ihren Auswahltests und deren Geschlechtsneutralität. Aber ganz egal, was die Gründe waren: Eine Frau ist zu wenig, nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass die Esa zuvor mit der Belgierin Marianne Merchez nur ein einziges Mal eine Astronautin ausgewählt hatte, die noch dazu nie ins All geflogen ist und auf der offiziellen Liste ehemaliger Astronauten gar nicht erst auftaucht (Claudie Haigneré war offiziell bereits französische CNES-Astronautin bevor sie zur Esa stieß).
  • Nur ein Wissenschaftler. Ständig sprechen Raumfahrtmanager davon, wie wichtig die Internationale Raumstation für die Forschung ist und welch große Bedeutung menschliche (und nicht robotische) Forscher dabei spielen. Trotzdem ist unter den Auserwählten nur ein Geophysiker, dafür aber vier (Test-)Piloten. Wobei: Knöpfe drücken und Kanister in Experimentiergeräte schieben – die „wissenschaftliche“ Hauptaufgabe an Bord der Station – können die wahrscheinlich auch.
  • Ein typischer Esa-Proporz. Man nehme: einen Vertreter aus Frankreich, dem Esa-Kernland. Dazu einen Vertreter aus Deutschland, dem größten Zahler im bemannten ISS-Programm. Natürlich zwei Italiener, die mal wieder eine Sonderabmachung mit der Nasa über eigene Startplätze haben, ihre künftigen Astronauten aber auch irgendwie ausbilden müssen. Und dann noch einen Vertreter aus einem kleinen Land – offenbar war dieses Mal Dänemark dran. Und wieder sind alle glücklich. Ach ja, ich vergaß: Die Sechs wurden natürlich nur wegen ihrer Leistung und nicht wegen ihrer Nationalität ausgewählt…
  • Ein Brite. Nach den Diskussionen der vergangenen Monate nicht unbedingt eine Überraschung, aber ein klares Signal: Großbritannien hat sich bislang standhaft geweigert, am bemannten Programm der Esa teilzunehmen; stattdessen steckt es viel Geld (nicht immer mit Erfolg) in robotische Missionen. Die Botschaft dürfte klar sein: Wenn nun offiziell ein Brite im Astronautenkorps ist, soll sich dessen Regierung gefälligst auch an der bemannten Raumfahrt beteiligen. Und wenn nicht? Dann wird Mr. Peake eben keine Mission zugeteilt. Ist zwar blöd, jemanden für viel Geld auszubilden und dann nicht zu beschäftigen – aber Verlage machen das mit ihren nicht übernommenen Volontären ja ganz ähnlich…

Große Bilder

20. Mai 2009
"Atlantis" auf dem Weg zu "Hubble". Foto: Nasa

Atlantis auf dem Weg zu Hubble. Foto: Nasa

Das „Big Picture„-Fotoblog des finanziell angeschlagenen Boston Globe ist ohnehin schon famos (was unweigerlich die Frage aufwirft, warum deutsche Online-Medien so etwas nicht hinbekommen und fast durchweg mit ihren fitzeligen Bildergalerien langweilen). Die aktuellen Bilder der letzten Hubble-Servicemission sind aber noch mal eine Klasse für sich. Faszierend, dynamisch, mit einem herrlichen Blick fürs Detail. Meine Lieblingsbilder: Nr. 16, Nr. 16 und Nr. 16. – via Bad Astronomy.

Demnächst gibt es an dieser Stelle hoffentlich (sofern das Fotolabor meines Vertrauens die eingefangenen Photonen erfolgreich in farbenfrohe Dias verwandelt) auch ein paar eigene Impressionen aus Kourou. Und nein, mit den Bildern aus Boston können die sicher nicht mithalten…


In Memoriam

19. Mai 2009
Soll am 22. Mai 2009 zum letzten Mal erscheinen: Süddeutsche Zeitung Wissen

Soll am 22. Mai 2009 zum letzten Mal erscheinen: Süddeutsche Zeitung Wissen

Nach Matador wird mit SZ Wissen nun schon das zweite von drei Medienangeboten, bei denen ich einst unter Vertrag stand und zwischenzeitlich gekündigt hatte, eingestellt. Falls das Gesetz der Serie hält, wird demnächst also Spiegel Online dicht gemacht… Wir wollen es nicht hoffen.

Ich war zwar nicht von Anfang an dabei (sondern erst seit Heft 4), dennoch ist mir dieses manchmal etwas sperrige, nicht immer massenkompatible, aber stets mit Leidenschaft gemachte Wissensmagazin ans Herz gewachsen. Und ja, Gerüchte über eine baldige Einstellung gab es schon lange. In den vergangenen Monaten waren sie aber weitgehend verstummt. Der Relaunch im vergangenen Herbst hatte das Heft optisch und thematisch voran gebracht, die Auflage war relativ stabil (wenn auch nicht gut), es wurde zuletzt sogar eine Volontärsstelle ausgeschrieben.

Die Einstellung hat die Redaktion offenbar kalt erwischt. Die Produktion der Juli-/August-Ausgabe war laut Ablaufplan so gut wie abgeschlossen – das Heft wird wohl nur noch als Farbausdruck an der Miniaturenwand im Produktionszimmer erscheinen. Noch am Donnerstag vergangener Woche hatte die Redaktion eine Geschichte für eines der kommenden Hefte bestellt. Jetzt werden, wie aus dem Umfeld des Verlags zu hören ist, im SZ-Hochhaus, Südseite, mit Blick auf S-Bahn-Betriebshof und Alpen, bereits die Schreibtische geräumt.

Angeblich gab es strikte Vorgaben, wohin sich die Verkaufszahlen des Heftes entwickeln sollten. Auch das Anzeigenaufkommen soll nicht zufriedenstellend gewesen sein – aber das war es noch nie.

Am Anfang, als SZ Wissen im Dezember 2004 startete, gab es ein – sportliches – Kräftemessen mit den Kollegen der Zeit, wer sein neues Wissensmagazin denn als erstes auf den Markt bringt. Einen wirklichzen Sieger gab es nicht. Klar ist dagegen, wer als erster wieder die Segel streicht. Ich wünsche den Hamburger Kollegen, dass sie (nachdem ein Teil der eigenen Existenzberechtigung nun weggefallen ist) noch sehr, sehr lange durchhalten.

Disclosure: Ich war bis Juli 2007 Chef vom Dienst bei SZ Wissen und seitdem regelmäßig als Autor für das Heft tätig.


Singsang im Orbit

17. Mai 2009
iss

ISS-"Schalte" während des Eurovision Song Contests (Screenshot: Das Erste)

Die Russen haben ja ein Händchen für die Kommerzialisierung des Kosmos: Pizza-Werbung auf der Mir, ein werbewirksamer Golfschlag auf der Internationalen Raumstation, immer wieder zahlungskräftige Weltraum-Touristen. Und nun eine Schaltung zur ISS im Rahmen Eurovision Song Contest, während der Kommandant Genadi Padalka und Flugingenieur Koichi Wakata die Telefonabstimmung freigaben.

Im Prinzip ist gegen solche Aktivitäten auch nichts einzuwenden. Das teure Hobby „bemannte Raumfahrt“ muss schließlich bezahlt werden – und da ist jeder Rubel recht. Laut ISS-Vertrag und Abmachung mit den Amerikanern steht den Russen die Hälfte der Arbeitszeit der ISS-Crew zu, die nicht für Aufbau, Betrieb und Unterhalt der Station benötigt wird (auf Deutschland entfallen übrigens schlappe 1,6 Prozent). In dieser Zeit kann Russland die Astronauten mehr oder weniger das machen lassen, was es will.

Dumm nur, wenn wie beim Song Contest so getan wird, als handle es sich um einen echten Inflight-Call – also eine Live-Übertragung aus dem All. Denn anders als zu seligen Mir-Zeiten stehen die Dienstpläne der ISS-Besatzung heute frei zugänglich im Web. Und die zeigen, dass die Crew zur Zeit des ESC-Abstimmungsbeginns (etwa 2100 GMT) mit „Schlafvorbereitungen (Abendessen, tägliche Essensvorbereitung, Abendtoilette)“ beschäftigt waren. Erst weit zurück in den Dienstplänen wird man fündig. Am 6. Mai 2009 befahl der Dienstplan:

19:15-19:30 CDR & FE-2: TV-Greetings to Parachute Research and Development Institute on the 50th
Anniversary; TV Greeting to Eurovision Participants (Ku + S-band)

Sieht ganz so aus, als sei der ach so spontane „historische Aufruf“ schon zehn Tage vor Beginn der Abstimmung aufgezeichnet worden.

Nachtrag, 1. Juni 2009: Der Kollege Marcus Anhäuser hat dankenswerterweise mal bei den Verantwortlichen nachgefragt (siehe sein Kommentar weiter unten). Natürlich stimmt es, dass in der Sendung nicht von einer Live-Schaltung gesprochen wurde – das hat auch niemand behauptet. Die Moderatoren haben allerdings nichts unternommen, um diesen Live-Eindruck gar nicht erst aufkommen zu lassen.

gar nicht erst aufkommen zu lassen.http://www.scienceblogs.de/plazeboalarm/