Singsang im Orbit

iss

ISS-"Schalte" während des Eurovision Song Contests (Screenshot: Das Erste)

Die Russen haben ja ein Händchen für die Kommerzialisierung des Kosmos: Pizza-Werbung auf der Mir, ein werbewirksamer Golfschlag auf der Internationalen Raumstation, immer wieder zahlungskräftige Weltraum-Touristen. Und nun eine Schaltung zur ISS im Rahmen Eurovision Song Contest, während der Kommandant Genadi Padalka und Flugingenieur Koichi Wakata die Telefonabstimmung freigaben.

Im Prinzip ist gegen solche Aktivitäten auch nichts einzuwenden. Das teure Hobby „bemannte Raumfahrt“ muss schließlich bezahlt werden – und da ist jeder Rubel recht. Laut ISS-Vertrag und Abmachung mit den Amerikanern steht den Russen die Hälfte der Arbeitszeit der ISS-Crew zu, die nicht für Aufbau, Betrieb und Unterhalt der Station benötigt wird (auf Deutschland entfallen übrigens schlappe 1,6 Prozent). In dieser Zeit kann Russland die Astronauten mehr oder weniger das machen lassen, was es will.

Dumm nur, wenn wie beim Song Contest so getan wird, als handle es sich um einen echten Inflight-Call – also eine Live-Übertragung aus dem All. Denn anders als zu seligen Mir-Zeiten stehen die Dienstpläne der ISS-Besatzung heute frei zugänglich im Web. Und die zeigen, dass die Crew zur Zeit des ESC-Abstimmungsbeginns (etwa 2100 GMT) mit „Schlafvorbereitungen (Abendessen, tägliche Essensvorbereitung, Abendtoilette)“ beschäftigt waren. Erst weit zurück in den Dienstplänen wird man fündig. Am 6. Mai 2009 befahl der Dienstplan:

19:15-19:30 CDR & FE-2: TV-Greetings to Parachute Research and Development Institute on the 50th
Anniversary; TV Greeting to Eurovision Participants (Ku + S-band)

Sieht ganz so aus, als sei der ach so spontane „historische Aufruf“ schon zehn Tage vor Beginn der Abstimmung aufgezeichnet worden.

Nachtrag, 1. Juni 2009: Der Kollege Marcus Anhäuser hat dankenswerterweise mal bei den Verantwortlichen nachgefragt (siehe sein Kommentar weiter unten). Natürlich stimmt es, dass in der Sendung nicht von einer Live-Schaltung gesprochen wurde – das hat auch niemand behauptet. Die Moderatoren haben allerdings nichts unternommen, um diesen Live-Eindruck gar nicht erst aufkommen zu lassen.

gar nicht erst aufkommen zu lassen.http://www.scienceblogs.de/plazeboalarm/

9 Antworten zu Singsang im Orbit

  1. […] This post was Twitted by AndreasSchepers – Real-url.org […]

  2. Die haben sich halt nochmals versichert. Denn wenn schon die Verbindung mit Azerbaijan fast nicht mehr ging, das wäre doch noch peinlicher, wenn auch die Weltall-Verbindung schief liefe.

  3. […] Und während die Nachrichtenagentur dpa und andere Medien die (ohnehin wenig glaubhafte) Geschichte verbreiten mussten, dass das russische Fernsehen beim Eurovision Song Contest live zur Raumstation ISS geschaltet habe, hatte der Wissenschaftsjournalist Alexander Stirn die verwegene Idee, einfach mal im Internet nachzugucken, ob das auch stimmt. […]

  4. Danke für die Info..:) zu schön.
    Naja..hätte mich auch gewundert, wenn die Russen da irgendwas dem Zufall überlassen hätten.
    Allerdings…sie hätten auch noch einen Tausender mehr berappen können für einen Halbamateur, der die 25 Liedchen schreibt

  5. Haha, das habe ich nicht erwartet.

  6. […] Die Schaltung zur Raumstation war gar keine – sondern ein Einspielfilmchen […]

  7. Stefan sagt:

    War aber eigentlich klar. So reibungslos wie die Schaltung funktioniert hat, konnte das nur eine Aufzeichnung sein. Allein die fehlende Verzögerung zwischen der Erde und der ISS hätte auffällig sein müssen. ABer interessant, dass man das sogar nachgucken konnte. :-)

  8. Marcus sagt:

    Ich habe mal beim NDR nachgefragt. Die haben mich erst an die EBU verwiesen. Dann meinte die Mitarbeieterin der Pressestelle aber noch:

    „weder in der deutschen Moderation noch in der russischen ist das Wort „live“ verwandt worden. “

    Meine Frage bei der EBU wurde wie folg beantwortet:

    „Dear mr Anhäuser,

    The sequence from the ISS was recorded, so it could be used it in the Dress Rehearsal of the Final as well.
    I hope this answers your question.

    Warmest regards,

    Manager Communications & Public Relations
    Eurovision Family of Events“

    Also bestätigt. war ein Live Fake.

  9. […] Idee des Flashmobs, der ungefähr so authentisch war wie die Live-Schalte zur ISS beim Grand Prix 2009 in Moskau, ist so simpel wie […]

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