Blitz-Diagnose

Blitzeinschlag in ein Flugzeug auf den Seiten des amerikanischen National Weather Service. (Foto: NWS/NOAA, Z. Kawasaki/Osaka University - via Cosmic Log)

Blitzeinschlag in ein Flugzeug auf den Seiten des amerikanischen National Weather Service. (Foto: NWS/NOAA, Z. Kawasaki/Osaka University - via Cosmic Log)

Ein Airline-Chef sollte eigentlich wissen, dass die erste, scheinbar naheliegendste Erklärung eines Flugzeugabsturzes meist ziemlich weit von der Realität entfernt ist und dass in der Regel erst eine unglückliche Verkettung vieler unterschiedlicher Umstände zum Absturz eines modernen Passagierjets führt. Umso erstaunlicher ist es, dass Air-France-Chef Pierre-Henri Gourgeon bereits wenige Stunden nach dem offiziellen Verschwinden von Flug AF447 einen Blitzschlag ins Spiel brachte und wenig später von seinem Sprecher als „wahrscheinlichste“ Unfallursache bestätigen ließ. Oder auch nicht: Immerhin gelang es Gourgeon so, seine Fluglinie für einige Zeit aus der Schusslinie zu nehmen – solange, bis Journalisten begannen nachzufragen.

Denn eines ist klar: Abgesehen von den offiziellen Ermittlern (die völlig zu Recht nicht spekulieren und auf die wochenlange Spurensuche bis zu einem ersten vorläufigen Zwischenbericht verweisen) vertreten alle Akteure bewusst oder unbewusst auch eigene Interessen. Egal ob Airlines, Piloten, Lotsen  oder Flugzeughersteller – jedem liegt viel daran, möglichst unschuldig dazustehen. Zumindest bis zum endgültigen Untersuchungsbericht, der von der breiten Öffentlichkeit nur noch bedingt wahrgenommen wird und meist Unzulänglichkeiten auf allen Seiten aufdeckt.

Daher ist auch das jüngste Gerücht, die Maschine sei mit zu geringer Geschwindigkeit in eine Gewitterfront geflogen, mit Vorsicht zu genießen. Vor allem aber wäre es voreilig, daraus auf so etwas wie einen Pilotenfehler zu schließen. Eine „falsche“ Geschwindigkeit kann genauso von Problemen mit den Staurohren herrühren, die die Geschwindigkeit relativ zur umgebenden Luft messen, oder von Schwierigkeiten mit dem System, das Messdaten über Geschwindigkeit, Höhe und Fluglage an das Flugkontrollsystem weitergibt. Ein Fehler in diesen sogenannten ADIRUs (Air Data Inertial Reference Units) hat beispielsweise im Oktober 2008 eine A330-300 von Qantas in einen unerwarteten Sinkflug geschickt. Aber auch Probleme mit dem Höhenmesser können, wie beim Absturz einer 737 der Turkish Airlines im Februar 2009 in Amsterdam, zu einer (von den damaligen Piloten offenbar nicht erkannten) viel zu geringen Geschwindigkeit führen.

Wie das alles zusammenhängt, was Ursache und was Folge war, wird – wenn überhaupt – erst der Untersuchungsbericht zeigen. Bis dahin können die üblichen Verdächtigen ja munter weiter spekulieren.

P.S.: Beim National Weather Service der USA gibt es den obigen Blitzeinschlag auch als beeindruckende Sequenz in Form eines animierten Bildes (via Cosmic Log).

2 Antworten zu Blitz-Diagnose

  1. […] einen Monat nach dem Absturz des Air-France-Flugs AF447 von Rio de Janeiro nach Paris hat die französische Untersuchungsbehörde BEA (die in voller Pracht […]

  2. […] dass der Absturz von AF447 auch nach mehr als einem halben Jahr noch nicht einmal ansatzweise geklärt ist, heißt im […]

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