Die Krise der bemannten Raumfahrt: Vier Thesen

Astronauten können vieles. Ihr wichtigste Fähigkeit liegt aber darin, Menschen zu faszinieren und zu inspirieren. (Foto: Nasa)

Astronauten können vieles. Ihr wichtigste Fähigkeit liegt aber darin, Menschen zu faszinieren und zu inspirieren. (Foto: Nasa)

Das Jubiläum der Mondlandung hat, wie zu hoffen war, die Diskussion über Sinn und Zweck der bemannten Raumfahrt neu befeuert – zum Beispiel bei den ScienceBlogs, bei der SonnTaz oder bei den Kosmologs, um nur einige zu nennen.

Und schon allein, dass nach langen Jahren des Schweigens wieder diskutiert wird, ist ein gutes Zeichen. Dennoch ist und bleibt die bemannten Raumfahrt in der Krise. Vier Thesen dazu.


These 1: Die Internationale Raumstation ISS hat der bemannten Raumfahrt deutlich mehr geschadet als genutzt.

Als im Dezember 1972 der letzte Mensch (und gleichzeitig der erste und einzige Wissenschaftler) den Mond betrat, war ich gut viereinhalb Monate alt. Folglich ist bemannte Raumfahrt für mich und die meisten meiner Generation gleichbedeutend mit Shuttle-Flügen in nicht mehr als 350 Kilometer Höhe. Mit Ulf Merbold, der im Spacelab faszinierende Experimente macht, vor allem aber selbst zum Versuchskaninchen wird. Mit scheinbar waghalsigen Reparaturflügen zum Hubble-Teleskop. Dann kam die ISS. Und die ist in etwa so sexy wie eine fliegende Blechbüchse.
Natürlich ist es eine technische Meisterleistung, eine derart komplexe Struktur im Weltraum zu montieren, natürlich ist es schön, dass 16 Länder im Weltall zusammenarbeiten. Wenn aber allein der Aufbau elf Jahre dauert, erlischt bei jedem noch so guten Projekt langsam das Interesse. Der größte Fehler aber war es, die ISS (eigentlich ein spätes Kind des Kalten Krieges und primär politisch motiviert) vor ihrem Start als wissenschaftliches Allheilmittel zu verkaufen, als „Forschungsstadt im Weltraum“ mit „wissenschaftlichen Möglichkeiten von unschätzbarem Wert“. An solchen Ansprüchen kann man nur scheitern, und der ISS ist das grandios gelungen. Nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters blieben während des Aufbaus der Station, als die Besatzung aus drei Astronauten bestand, nur 2,5 Stunden der wöchentlichen Arbeitszeit für die Wissenschaft übrig; 8,3 Prozent davon stand laut ISS-Vertrag den Europäern zu. Jetzt, mit einer sechsköpfigen Besatzung, wird sich das zwar ändern, aber auch die Aufgabe der neuen Crew wird hauptsächlich darin bestehen, vorbereitete Experimente in die entsprechenden Forschungsschränke zu schieben – eine Aufgabe, die in den meisten Fällen auch ein Roboter übernehmen könnte. Angesichts der riesigen Lücke zwischen (kommunizierten) Ansprüchen und der Wirklichkeit, haben Kritiker der bemannten Raumfahrt dank der ISS leichtes Spiel. Und das nicht nur, wenn mal wieder eine Toilette an Bord kaputt ist.

These 2: Die Wissenschaft muss sich mehr einmischen.

Wer mit Wissenschaftlern über die bemannte Raumfahrt diskutiert, bekommt gerne zu hören: Für andere Dinge ist doch auch genügend Geld da. Und, fast trotzig: Bemannte Raumfahrt ist doch wichtig. Beides stimmt, aber beides hilft nicht weiter – vor allem, weil das zwangsläufig damit endet, dass Kritiker erwidern: Aber Bildung, Kultur, soziale Sicherheit, die Ernährung der Welt oder was auch immer sind doch viel wichtiger und brauchen viel dringender Geld. Eine Diskussion, die die bemannte Raumfahrt nur verlieren kann – zumal sie auf der Agenda der politischen Parteien weit unten steht. Nur was wird dagegen getan?
Wo sind Projekte, die sich (abgesehen vom Engagement einzelner Blogger und dem Getwitter der Agenturen) um die öffentlichkeitswirksame Werbung für die bemannte Raumfahrt kümmern. Wo sind die Umfragen, die Unterstützung in der Bevölkerung signalisieren? Wo sind die Proteste gegen Kürzungen? Wo ist die Lobbyarbeit? Wo sind alternative Finanzierungskonzepte? Es mag sein, dass es das alles gibt und nur an mir vorbei gegangen ist. Aber so richtig wirkungsvoll scheint das alles nicht zu sein. Wenig verwunderlich, dass die Raumfahrtindustrie ist in diesem Bereich noch am aktivsten ist.
Zumal die Wissenschaft nach außen zerstritten erscheint: „Mit Ausnahme von Experimenten an Menschen selbst lassen sich im Forschungsbereich fast alle Versuche besser, präziser und kostengünstiger durch unbemannte Missionen durchführen“, hat die Deutsche Physikalische Gesellschaft bereits in den 90er Jahren beschlossen. Als ich vergangenes Jahr nachgefragt habe, hieß es: „Das ist immer noch aktuell.“

These 3: Es fehlt an Visionen.

Wo sind die Politiker, die sich hinstellen und sagen: „Wir, die Nationen der Erde, werden bis zum Jahr 2030 einen Menschen auf dem  Mars absetzen und ihn wieder sicher zurück zur Erde bringen.“ Wo sind die Politiker, die sagen: „Wir machen das nicht, weil es einfach ist, sondern weil es schwierig, kompliziert, teuer ist“.
Stattdessen ist in den USA gerade eine Kommission eingesetzt worden, die sich Gedanken darüber machen soll, ob man das Mondprogramm nicht besser komplett einstampfen sollte. Stattdessen ist es Hauptzweck der Europäischen Raumfahrtagentur ESA, die Beiträge der einzelnen Mitgliedsländer durch Industrie- und Forschungsaufträge wieder so auf die Staaten zu verteilen, dass jeder glücklich ist. Visionen stören da nur, zukunftsträchtige Projekte wie die Weiterentwicklung des Raumfrachters ATV werden mit unterfinanzierten Machbarkeitsstudien abgespeist. Stattdessen wird in Deutschland jemand zum Raumfahrtkoordinator gemacht, der der Kanzlerin ganz bestimmt keine unbequemen Fragen stellt.

These 4: Vergesst die Wissenschaft.

Wer bemannte Raumfahrt mit wissenschaftlichen Zielen rechtfertigen will, kann eigentlich nur verlieren. Gewiss könnte die Grundlagenforschung, die Astronauten im All beaufsichtigen, eines Tages völlig unerwartete Ergebnisse liefern und so das Leben auf der Erde verändern. Aber mit Konjunktiven überzeugt man keinen Kritiker. Gewiss wäre ein Teleskop auf der Rückseite des Mondes eine fantastische Sache, aber auch für dessen Betrieb würden Menschen allenfalls als Mechaniker gebraucht.
Aber warum sich auf die zwangsläufig dünne Argumentationsbasis der Wissenschaft begeben? Bemannte Raumfahrt kann doch viel mehr: Sie ermöglicht es der Menschheit, zu fernen Planeten aufzubrechen, neue Grenzen zu erkunden, ihren eigenen Planeten aus einer völlig neuen Perspektive zu sehen. Sie fesselt (wenn das Ziel nur groß genug ist) Millionen, heutzutage wahrscheinlich Milliarden Menschen vor dem Fernseher – und das über alle Landes-, Kultur oder Standesgrenzen hinweg. Sie weckt den Entdeckergeist. Sie ist Faszination, Inspiration und begeistert die Menschen – für Technik, Weltraum und, ja auch, für die Wissenschaft.

2 Antworten zu Die Krise der bemannten Raumfahrt: Vier Thesen

  1. Stefan sagt:

    Schöner Beitrag. Ich denke auch, dass das explorative Moment der Raumfahrt stärker in den Vordergrund rücken muss. Man kann noch so gute Roboter raus ins All schicken, wirklich irgendwo ankommen, können wir nur, wenn wir Vertreter unserer Art hinschicken. Die Frage muss also lauten, ob und was uns das wert ist.

  2. Reinhard sagt:

    Die bemannte Raumfahrt hat ohne Kostensenkung keine Zukunft – wenn im Weltraum so viel zu holen wäre, wie seit den Anfängen in den Sechzigerjahren immer propagiert wurde, hätte sie sich schon längst verbilligt!

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