Peterchens Mondfahrt

Raumfahrtkoordinator Peter Hintze will zum Mond: 2015 soll eine deutsche Sonde auf dem Trabanten landen. (Foto: BMWi)

Raumfahrtkoordinator Peter Hintze träumt vom (vorerst unbemannten) Flug zum Mond. (Foto: BMWi)

Peter Hintze will hoch hinaus. Geht es nach dem Raumfahrtkoordinator der Bundesregierung, wird Deutschland spätestens 2015 auf dem Mond landen. Unbemannt, mit einem Rover oder einem „Krabbler“, wie Hintze es ausdrückt. Es sind hehre Pläne, die der CDU-Politiker heute – exakt 46 Tage vor der Bundestagswahl – vorgestellt hat, und aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich über eine solche Mission (noch dazu als deutscher Alleingang) sicherlich streiten.

Doch die Zuständigkeit für die Raumfahrt liegt in Deutschland nicht zufällig beim Wirtschaftsministerium. Und im Dienste der Wirtschaftsförderung wären die 1,5 Milliarden Euro, die die Mission kosten soll, sicherlich gut angelegt: Nachdem das europäische Forschungsmodul Columbus entwickelt und an die ISS geschraubt wurde, nachdem der Raumfrachter ATV zwar noch einige Male gebaut aber nicht wohl nicht weiterentwickelt werden soll, fehlen der Raumfahrtindustrie derzeit die Großaufträge. Seit längerem klagen die Unternehmen, dass sie immer größere Probleme hätten, ihre Fachkräfte bei Laune – und bei der Stange – zu halten. Da kämen eineinhalb Milliarden Euro in den nächsten fünf Jahren sicherlich nicht ungelegen.

Dennoch spricht vieles dafür, dass es nicht dazu kommen wird, dass Hintzes Vorstoß ein simpler wahltaktischer Schachzug ist. Drei Indizien:

  • Im Jahr 2007 wollte Deutschland schon einmal auf eigene Faust zum Mond. LEO, eine auf vier Jahre angelegte Orbiter-Mission zur Kartografierung des Erdtrabanten, sollte damals 350 Millionen Euro kosten. Noch im Mai 2008 bezeichnete Hintze (auf der Berliner Luftfahrtausstellung ILA) die Mission als „machbar“ und als „sinnvoll“. Nicht einmal zwei Monate später war LEO tot. Obwohl Hintze im Haushaltsvorschlag des Wirtschaftsministeriums Geld für LEO angemeldet hatte, konnte er sich bei den abschließenden Haushaltsberatungen des Kabinetts nicht durchsetzen. Oder er wollte nicht, wie damals einige Mondforscher argwöhnten: Geld wurde nämlich verteilt – allerdings nicht für die Erkundung des Mondes sondern für die Robotikforschung. Jetzt soll eine deutlich komplexere und teurere Mission machbar sein, die mit ihrem Rover ausgerechnet auf Erkenntnissen der Robotik beruht? Nun, vielleicht springen ja, nachdem sich die Landemission als nicht finanzierbar erweist, wieder ein paar Millionen als Kompensation für die Roboterforscher heraus…
  • Vergangenes Jahr waren 350 Millionen Euro zu viel. LEO wurde, wie es eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums damals ausdrückte, aus Gründen der „Haushaltskonsolidierung“ gestrichen. Jetzt, nachdem der Bundeshaushalt noch viel tiefer in den Miesen steckt, soll plötzlich der vierfache Betrag locker gemacht werden? Auch der Vergleich mit den längst abgeschriebenen fünf Milliarden für die Abwrackprämie, den Hintze gerne anführt, kann da nicht überzeugen: Von einem Milliardengeschenk für die Raumfahrtbranche profitiert auf direktem Weg kein Autofahrer – und somit auch kaum ein Wähler. Zudem ist die Luft- und Raumfahrtbranche mit ihren 93.000 Beschäftigen im Vergleich zu den 750.000 Arbeitern und Angestellten in der Automobilindustrie ein Winzling. Wenig überraschend betont Hintze, dass die Finanzierung einer deutschen Mondlandung derzeit unsicher ist – und dass die nächste Bundesregierung darüber entscheiden muss.
  • Ach ja, die Wahl: Wenn es schlecht läuft (oder gut für die Parteien) ist nach der Wahl keiner der heutigen Mondmissions-Verfechter mehr im Amt. Peter Hintze wird immer mal wieder als EU-Kommissar ins Gespräch gebracht, und Forschungsministerin Annette Schavan, die sich vor einigen Wochen ebenfalls für die Raumfahrt stark gemacht hat, steht angeblich eh auf der Abschussliste. Im derzeitigen Kabinett ist sie blass geblieben, und im Falle einer schwarzgelben Koalition würde wohl die FDP das Bildungsministerium für sich vereinnahmen. Ist es wirklich Zufall, dass sich ausgerechnet die CDU-Politiker für die Raumfahrt stark machen, die demnächst in der Bundespolitik womöglich weniger zu sagen haben?

4 Antworten zu Peterchens Mondfahrt

  1. Dr. No sagt:

    Einspruch: Im vergangenen Jahr waren 350 Mio. Euro vielleicht noch (zu-)viel. In diesem Jahr – mitten in der Finanzkrise mit ihren aberwitzigen staatlichen Ausgaben und Zusagen in hundertfacher Milliardenhöhe – sind 1,5 Mrd. Euro aber doch ein reines Trinkgeld… ;-)

  2. […] mal wieder wird eine deutsche Mondmission aufgetischt: diesmal für 2015. Und 1.5 Mrd. Euro. Die gar nicht da sind […]

  3. Ludmila sagt:

    Ne, ich trau dem Braten auch nicht. Was uns alles damals zu LEO versprochen wurde. Die Euphorie, die Pläne, die Dokumente, die Reisen und dann…

    Plupp. Kassiert. Ist jetzt auch bisschen albern, wo Indien, Japan, China und USA selbst was um den Mond geschossen haben. Wenn wir da jetzt noch rumkrebsen, dann macht das den Kohl auch nicht fett.

    Und dann diese Ankündigung man könnte sich „die NASA als Partner vorstellen“. Äh, na ob die NASA sich die Deutschen als Partner vorstellen kann, das ist doch die Frage.

  4. Spielor sagt:

    Höchst interessanter Artikel.

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