Ja wie laufen sie denn?

Ist der schnell, Mann: Usain Bolt, hier kurz nach seinen 9,69 Sekunden in Peking (Foto: Richard Giles)

Ist der schnell, Mann: Usain Bolt, hier kurz nach seinen 9,69 Sekunden in Peking (Foto: Richard Giles)

Zur Abwechslung soll es heute mal um irdische Objekte gehen – und zwar um solche, die besonders tief fliegen: 100-Meter-Sprinter, genauer gesagt Usain Bolt, jenen jamaikanischen Schnelläufer, der nicht nur innerhalb von 15 Monaten gleich dreimal den Weltrekord verbessert hat, sondern mit nunmehr 9,58 Sekunden auch in eine andere Dimension vorgedrungen ist. Was unweigerlich drei Fragen aufwirft: Wie macht er das? Wo ist das Limit? Und was zum Teufel tut McDonalds in seine Nuggets? Zu den ersten beiden Fragen hier ein paar ungeordnete Gedanken/Fundstücke.

Wie macht er das?

  • Eine 18-köpfige Forschergruppe widmet sich während der Weltmeisterschaft im Auftrag des Deutschen Leichtathletikverbands einer ganzen Reihe von biomechanischen Fragestellungen. Unter anderem haben die Wissenschaftler Usain Bolts Geschwindigkeit während des Endlaufs mit einer Laserpistole gemessen.
    Usain Bolts Tempokurve während seines Rekordlaufs: In Blau die mit einer Laserpistole gemessene Geschwindigkeit, in rot die Mittelwerte. (Quelle: IAAF)

    Usain Bolts Tempokurve während seines Rekordlaufs: In Blau die mit einer Laserpistole gemessene Geschwindigkeit, in Rot die Mittelwerte. (Quelle: IAAF)

      Die reinen Daten zeigen: Bei ziemlich genau 65 Meter hat Bolt seine Höchstgeschwindigkeit erreicht – exakt 44,17 km/h (über die Messgenauigkeit machen die Forscher in ihrer vorläufigen Analyse leider keine Angaben). Bei gut 48 Meter hatte der leicht extrovertierte Jamaikaner, der von seinen größten Bewunderern liebevoll Witzbolt genannt wird, schon 99 Prozent seiner maximalen Geschwindigkeit erreicht. Und erst sieben Meter vor dem Ziel nahm sein Tempo deutlich ab und sank wieder unter 43 km/h – ein Indiz, dass es Bolt auf den letzten Metern doch etwas ruhiger angehen ließ.

  • Eine Analyse der Zwischenzeiten zeigt darüber hinaus, dass Bolt seinem Gegner Tyson Gay in jedem 20-Meter-Intervall konstant zwei bis drei Hundertstelsekunden abgenommen hat. Ein genauer Blick auf das offizielle Zielfoto offenbart übrigens, dass Bolt ziemlich genau 9,572 Sekunden gebraucht hat (die Zeiten werden stets zum nächsten Hundertstel aufgerundet).
  • Ross Tucker, der das sehr lesenswerte Blog „The Science of Sport“ betreibt, hat sich die Mühe gemacht und Bolts Berliner Weltrekord mit dem Rekordlauf bei den Olympischen Spielen in Peking (9,69 Sekunden) verglichen. Auch wenn der Jamaikaner damals schon weit vor dem Ziel gejubelt hat (und wenig über Zuverlässigkeit oder Vergleichbarkeit der Daten bekannt ist), zeigt sich doch: Bolt hat in Berlin, basierend auf den Sektorzeiten, eine deutlich höhere Geschwindigkeit erreicht – und diese eben auch bis fast zum Schluss durchgehalten. Daher steigt sein Vorsprung gegenüber Peking gegen Ende besonders stark an. Aber auch sonst liegt er (mit Ausnahme der ersten Meter) stets unter seiner damaligen Zeit. Den Effekt des Rückenwindes von 0,9 m/s geben die Forscher übrigens mit einem Zeitgewinn von vier Hundertstelsekunden an.

Und wo ist das Limit?

  • Schaut man sich die Entwicklung der 100-Meter-Weltrekorde an, gibt es offenbar keine Grenze.
    Die Entwicklung der 100-Meter-Weltrekorde der Männer seit Anfang des 20. Jahrhunderts (Quelle: Wikipedia)

    Die Entwicklung der 100-Meter-Weltrekorde der Männer seit Anfang des 20. Jahrhunderts (Quelle: Wikipedia)

      Mit etwas gutem Willen hätte man bis vor zwei Jahren sagen können, dass sich die Rekorde langsam asymptotisch einem unteren Limit nähern. Doch dieser Trend wurde mit Asafa Powell, vor allem aber mit Usain Bolt jäh durchbrochen. Innerhalb von 20 Jahren ist der Rekord um gut eine Drittelsekunde verbessert worden. Bolts Bestzeit liegt sogar mehr als zwei Zehntel unter der Laufzeit, mit der Ben Johnson 1988 für drei Tage Olympiasieger wurde – bevor ihm Titel und Rekord wegen Dopings mit anabolen Steroiden aberkannt wurden.

  • Forscher des französischen Instituts für biomedizinische Forschung und Sport-Epidemiologie (Irmes) haben vergangenes Jahr auf der Basis mathematischer Modelle berechnet, dass spätestens 2060 keine neue Rekorde mehr aufgestellt werden können. Herr Bolt wäre dann 74 Jahre alt. Wo die Grenzwerte liegen und in welche Sportart wann Schluss ist, verraten die französischen Forscher leider nicht. Für die Praxis gibt die Studie daher leider wenig her,
  • Deutlich interessanter ist da eine Untersuchung von Mark Denny aus dem Journal of Experimental Biology (die auch die Deutsche Presseagentur heute aus aktuellem Anlass wieder ausgegraben hat – ohne allerdings zu erwähnen, dass die Studie bereits aus dem November 2008 stammt): Mithilfe von Hunden und Pferden hat Denny errechnet, dass ein Mensch nicht schneller als 9,48 Sekunden auf 100 Metern laufen kann – zumindest nicht ungedopt. Usain Bolt hat bereits angekündigt, dass 9,4 Sekunden möglich sind.
  • Bei den Frauen hat Denny die Grenze übrigens auf 10,19 Sekunden festgelegt. Dort liegt der Weltrekord seit mehr als 20 Jahren bei 10,49 Sekunden – aufgestellt von Florence Griffith-Joyner, die (um es übervorsichtig zu formulieren) immer mal wieder mit Dopinggerüchten in Verbindung gebracht wurde und mit 38 Jahren bereits tot war. Die Siegerin von Berlin, Shelly-Ann Fraser aus Jamaika, lief 10,73 Sekunden und ist damit immerhin die drittschnellste Frau aller Zeiten (zwischen ihr und Griffith-Joyner liegt noch die geständige Dopingsünderin Marion Jones). Um es Bolt nachzumachen oder sogar die von Mark Denny aufgestellte Grenze zu erreichen, muss die 22-jährige Zahnspangenträgerin allerdings noch einige Nuggets verputzen.
  • Oftmals wird die Frage nach einem körperlichen Limit aber auch schlichtweg von eigenen Überzeugungen dominiert. Fritz Sörgel, Chef des Nürnberger Instituts für biomedizinische und pharmazeutische Forschung und bekannter Dopingjäger, legt im Gespräch mit dem Sportinformationsdienst die Grenze auf etwa 9,70 Sekunden fest – ohne eine wissenschaftliche Quelle zu nennen. Sörgels Botschaft ist auch so klar: Alles darunter sei „ohne Doping nur schwer vorzustellen“.
  • Eines dürfte dagegen klar sein: Schneller als 0,00000033366 Sekunden sollte selbst Usain Bolt die 100 Meter nicht schaffen. Denn die Gesetze der Relativitätstheorie gelten sogar für einen jamaikanischen Scherzkeks.

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