O tempora, o Ares

Schrott schon vor dem ersten Start? Ende Oktober sollte mit dem Testflug von Ares I-X eigentlich eine neue Ära beginnen. (Bild: Nasa)http://www.nasa.gov/images/content/272718main_aresIx_mposter_lg_full.jpg

Schrott schon vor dem ersten Start? Ende Oktober sollte mit dem Testflug von Ares I-X eigentlich eine neue Ära beginnen. (Bild: Nasa)

Sie ist 99,74 Meter lang, 816 Tonnen schwer und vielleicht schon bald das teuerste Stück Weltraumschrott: In einem überdimensionalen Hangar auf dem Gelände des Kennedy Space Center wartet die neueste Rakete der Nasa, Ares I-X genannt, auf ihren Testflug. Der Start ist für den 31. Oktober geplant. Doch wenn es dumm läuft, ist das Ares-Programm bis dahin längst gestrichen.

Dabei sieht auf dem Papier alles perfekt aus: Ares-I soll Ende 2015 erstmals Astronauten mitsamt einer neu entwickelten Raumkapsel in eine Erdumlaufbahn und zur Internationalen Raumstation ISS bringen. Eine zweite, deutlich stärkere Frachtrakete namens Ares V transportiert all das, was für einen Flug zum Mond, zum Mars oder noch weiter ins All zusätzlich gebraucht wird – also Antriebsstufe, Landefähre, Versorgungsmodul. Im Orbit wird fleißig gekoppelt, und ab geht die Reise.

Gut vier Jahre haben die Nasa-Ingenieure an Ares I gebaut, drei Milliarden Dollar sind bislang dafür draufgegangen. Was eine von Präsident Obama eingesetzte Kommission, die sich  Gedanken über die Zukunft der bemannten US-Raumfahrt machen soll, nicht davon abhält, das komplette Programm infrage zu stellen. Denn Ares hat – wie eigentlich jedes größere Raumfahrtprojekt – mit technischen Schwierigkeiten, einem deutlich überzogenen Budget und lautstarken Kritikern aus den eigenen Reihen zu kämpfen.

Money, Money, Money

Größtes Problem für Ares ist das Geld: Das derzeit veranschlagte Nasa-Budget reicht entweder, um die Lebensdauer der ISS vom Jahr 2015 (bislang das Datum des amerikanischen Ausstiegs aus dem Projekt) bis ins Jahr 2020 zu verlängern – oder um Ares I ab 2016 einsatzfähig zu machen. Beides ist nicht drin. Eine Ares I ohne eine Raumstation, die sie anfliegen kann, ist aber witzlos. Und eine Raumstation ohne eigene Raketen, die US-Astronauten dorthin bringen können, dürfte der amerikanischen Öffentlichkeit nicht vermittelbar sein. Für Ed Crawley, MIT-Professor und Mitglied der zehnköpfigen Kommission, steht daher fest: „Die Ares I-Option ergibt einfach keinen Sinn.“ (Hier die komplette finanzielle Analyse als Powerpoint-Datei.)

"Ares I-X" wartet im Vehicle Assembly Building in Cape Canaveral auf den Start. (Foto: Nasa)

"Ares I-X" wartet im Vehicle Assembly Building in Cape Canaveral auf den Start. (Foto: Nasa)

Drei Alternativen wird die Kommission in ihrem Bericht, den sie kommenden Montag Präsident Obama vorlegen will, nach Informationen des New Scientist darlegen:

  • eine aus Shuttle-Komponenten zusammengebaute Schwerlastrakete, die auf das schöne Akronym SDHLV (Shuttle-Derived Heavy Lift Vehicle) hört.
  • eine abgespeckte Ares V Lite, die zwar weniger Nutzlast als die derzeit geplante Ares V befördern kann, dafür aber auch für den Transport von Astronauten ausgelegt ist.
  • eine völlig neu entwickelte Rakete, die irgendwo zwischen Ares I und Ares V liegt und statt mit flüssigem Wasserstoff mit billigem Kerosin angetrieben wird – wie bereits die Saturn V oder die russischen Sojus-Raketen

Kleinere Aufgaben, wie den Transport von Fracht (und eventuell auch Menschen) zur ISS könnten kommerzielle Raketen übernehmen, wie sie derzeit mit Unterstützung der Nasa von Firmen wie Space-X oder Orbital Sciences gebaut werden.

Nach übereinstimmenden Gerüchten soll der neue Nasa-Chef Charles Bolden bereits geäußert haben, dass es sich unter diesen Umständen nicht mehr lohnen würde, den Testflug der Ares I-X zu starten. Ein törrichter Gedanke, schließlich ist Ares I die erste neu entwickelte Nasa-Rakete seit mehr als 25 Jahren – da ist jede Testmöglichkeit und jede Erkenntnis, die man daraus ziehen kann, Gold wert (selbst wenn die Testrakete noch wenig mit der endgültigen Version gemein hat).

Problemchen über Problemchen

Von Anfang an, machte Ares I Schlagzeilen durch technische Probleme. Manche waren hausgemacht, andere unvermeidlich, viele wurden von Kritikern des Projekts gezielt an die Medien weitergegeben. Die verbreiteten die schlechten Nachrichten gerne: Probleme bei einem Großprojekt sind immer gut, ganz besonders, wenn die Regierung involviert ist. Mal drohten Vibrationen die Rakete beim Start zu zerstören, dann war die Rakete wahlweise zu schwer oder zu schwach, zum Schluss hieß es, die Crew hätte trotz eines Rettungssystems bei einem Fehlstart keine Chance zu überleben. Wie groß diese Probleme wirklich sind, ob es sich um die normalen Entwicklungsschwierigkeiten bei einem solch komplexen Projekt handelt oder das Design grundlegend daneben liegt, ist schwer zu sagen. Noch ein Grund, Ares I-X einfach mal fliegen zu lassen und zu schauen, wie weit sie kommt.

Haifischbecken Nasa

Ares I, so wie sie heute aussieht, wurde vom damaligen Nasa-Chef Michael Griffin durchgedrückt – gegen erhebliche Kritik und mit (wie später aufgetauchte Dokumente belegen) möglicherweise fragwürdigen Beurteilungen konkurrierender Konzepte. Entwickelt wird sie vor allem im Marshall Space Flight Center in Huntsville, Alabama, wo unter Wernher von Brauns Leitung bereits die Saturn-Raketen entstanden sind. Das passt dem Kennedy Space Center und der Raumfahrt-Industrie in Florida, die größtenteils vom Shuttle abhängig ist, überhaupt nicht. Entsprechend hämisch vermelden die Medien in Florida jedes kleine Problem mit der Rakete. Mehrere Dutzend Nasa-Ingenieure, die sich (und ihre Ideen) übergangen fühlen, haben sogar heimlich an einem Gegenentwurf zu Ares gearbeitet. Direct 3, so der Name des Konzepts, soll sicherer, simpler und schneller fertig sein als die offiziellen Projekte. Bislang hat die Rakete – verglichen mit Ares I-X – allerdings einen großen Nachteil: Sie existiert nur auf dem Papier.

5 Antworten zu O tempora, o Ares

  1. […] O tempora, o Ares « Alles was fliegt alleswasfliegt.wordpress.com/2009/08/27/o-tempora-o-ares – view page – cached #RSS 2.0 Alles was fliegt » Kommentare-Feed zu O tempora, o Ares Alles was fliegt Guten Flug! Koreaner im Kosmos — From the page […]

  2. Hauer sagt:

    Ares I-X hat mit der Ares I erschreckend wenig zu tun, wird aber medial verkauft, als wäre die Ares 1 schon ausentwickelt. Ganz schlimme Taktik.

  3. […] sehr das Ares-Team, nach drei Jahren Entwicklung und teils harscher Kritik von Seiten der Politik, einen Erfolg gebraucht hat, zeigt eine kleine Episode während des ersten […]

  4. […] feierte die NASA den Testflug als vollen Erfolg, trotz der Kritik im Vorfeld und der Schwierigkeiten während des Testfluges. Vor einiger Zeit kam auch heraus, dass man auf […]

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