Sag zum Abschied zweimal Servus

Bereit für seine erste und letzte große Reise: "CryoSat-2" im Reinraum der IABG. (Foto: Stirn)

Bereit für seine erste und letzte große Reise: "CryoSat-2" im Reinraum der IABG. (Foto: Stirn)

Duncan Wingham, Klimaphysiker am Londoner University College, hat schon einmal Abschied von Cryosat genommen. Das war Mitte 2005. Wenige Monate später lag der Erdbeobachtungssatellit, der die Dicke der Eisschicht in Arktis und Antarktis vermessen sollte, am Grunde des Ozeans, unweit des Nordpols.

Jetzt muss Wingham, ein Brite mit vollem hellblonden Haar, ein weiteres Mal Abschied nehmen. Cryosat, der Zweite, eine Kopie des Unglückssatelliten, ist bereit für seine erste und letzte große Reise – via Baikonur ins Weltall. Er soll erfolgreicher, zäher und besser sein als das Vorgängermodell. Am Montag wurde der 75 Millionen Euro teure Nachbau europäischen Journalisten vorgestellt.

Dabei wurde klar, dass man den Cryosat-Forschern eines jedenfalls nicht vorwerfen kann: dass sie angesichts des herben Rückschlags ihren Humor verloren haben.

Das letzte Bild von "CryoSat, dem Ersten". Wenig später stürzt der Satellit ins Polarmeer. (Foto: Esa/S. Corvaja)

Das letzte Bild von "CryoSat, dem Ersten". Wenig später stürzt der Satellit ins Polarmeer. (Foto: Esa/S. Corvaja)

Wingham zeigt zu Beginn seiner Präsentation in der Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft (IABG), einem auf Raumfahrt spezialisierten Testcenter vor den Toren Münchens, eine von seinen Doktoranden umgetextete Nachrichten-Webseite der BCC. „CryoSplat: Expensive rocket goes for a swim“, ist dort als Überschrift zu lesen. Und im Vorspann des Textes steht die Drohung, Wingham werde seine Haare nicht mehr schneiden, bevor es nicht eine neue CryoSat-Mission gibt. Ganz so schlimm ist es offenbar nicht gekommen.

Auch Volker Liebig, Direktor des Erdbeobachtungsprogramms der Esa, sagt trocken: „Eigentlich hat der erste CryoSat ja die Arktis erreicht, nur leider auf dem Meeresgrund.“ Damals, am 8. Oktober 2005, hatten sich
aufgrund eines Programmfehlers die zweite und die dritte Stufe der Rockot, einer umgebauten SS-19-Atomrakete, nicht getrennt. Kurz nach dem Start vom Kosmodrom im russischen Plesetsk stürzte die Oberstufe mitsamt dem Satelliten ins Nordpolarmeer.

Dieses Mal soll alles anders werden – ohne dass sich großartig etwas ändert: CryoSat wurde innerhalb von drei Jahren nach den Originalplänen wieder aufgebaut, er wurde punktuell verbessert, weniger fehleranfällig gemacht und soll nun vom viel weiter südlich gelegenenen Baikonur ins All starten. Immerhin: Von dort aus ist es deutlich schwerer, nach dem Start gleich wieder ins Polarmeer zu stürzen.

Flickr-Album "CryoSat-2"

Drüben bei Flickr gibt es einige Schnappschüsse des Medientages in Ottobrunn – ein letzter Blick, bevor Cryosat eingepackt und Ende des Jahres nach Kasachstan geflogen wird. Als Starttermin ist der 28. Februar 2010 anvisiert. Lediglich die Bestätigung des Datums durch die russischen Behörden steht noch aus.

Und hier noch ein paar Splitter von der Pressekonferenz:

  • Dass CryoSat-2 nun mit einer Dnjepr-Rakete von Baikonur und nicht wieder mit einer Rockot von Plesetsk gestartet wird, habe nichts mit einem generellen Misstrauen gegenüber den Rockot-Raketen (oder mit der überaus beschwerlichen Anreise nach Plesetsk) zu tun, betont Liebig. Da die Nachfrage nach einigermaßen bezahlbaren Raketen derzeit extrem hoch sei, habe man einfach das nehmen müssen, was gerade verfügbar war.

    Ganz so tief wird "CryoSat-2" nicht übers Polarmeer fliegen, wenn er mit seinem Radar die Dicke der Eisschichten misst (Illustration: Astrium)

    Ganz so tief wird "CryoSat-2" nicht übers Polarmeer fliegen, wenn er mit seinem Radar die Dicke der Eisschichten misst (Illustration: Astrium)

  • Ursprünglich sollte CryoSat, der Zweite, schon Ende dieses Jahres starten – und er war, versichern die Missionsmanager, auch rechtzeitig fertig. Da der deutsche Radarsatellit Tandem-X aber ebenfalls in Kasachstan auf den Start wartet und wegen seines Hydrazin-Tanks besondere Aufmerksamkeit (und eine freie Tankstelle, die später nicht mehr verfügbar gewesen wäre) braucht, wurde die Tandem-X-Mission vorgezogen.
  • Obwohl beim zweiten CryoSat kaum Entwicklungskosten angefallen sind, ist er genauso teuer wie das Original. Volker Liebig begründet das damit, dass schon der erste CryoSat weitgehend aus handelsüblichen, nicht speziell entwickelten Komponenten bestanden habe. Außerdem wurde im neuen Modell eine redundante Steuerelektronik für den Radar-Höhenmesser eingebaut – eine Sicherheitsreserve, die der erste CryoSat nicht hatte. Nach vier Jahren seien zudem einige Komponenten nicht mehr lieferbar gewesen, berichtet Eckard Settelmeyer, Wissenschaftschef beim CryoSat-Bauer Astrium. Stattdessen seien verbesserte Bauteile montiert worden, die allerdings wieder aufwendig getestet und für weltraumtauglich befunden werden mussten.
  • Fünfeinhalb Jahre sollen die verbesserten Komponenten durchhalten, entsprechend viel Treibstoff ist auch an Bord. Offiziell liegt die Missionsdauer dennoch (wie schon beim ersten CryoSat) bei dreieinhalb Jahren. Um die zwei zusätzlichen Jahre auch garantieren zu können, wären viele neue Tests nötig gewesen, sagt Esa-Projektmanager Richard Francis. Dafür waren aber weder Zeit noch Geld vorhanden. Außerdem macht es sich immer gut, wenn man nachher behaupten kann: Unser Satellit hält jetzt schon zwei Jahre länger durch als ursprünglich geplant…
  • Wie schon sein Vorgänger ist auch CryoSat-2 nicht versichert – ein bei wissenschaftlichen Satelliten übliches Vorgehen, das innerhalb der Esa allerdings (wie Liebig einräumt) umstritten ist. Viele Staaten, darunter auch Deutschland, vertreten jedoch die Position, dass der Staat sein eigener Versicherer sein sollte. Etwa 15 bis 20 Prozent des Preises ihrer Satelliten müsste die Esa für die Versicherungsprämie ausgeben. „Für fünf versicherte Satelliten könnten wir somit einen neuen bauen“, sagt Liebig pragmatisch. Cryosat-1 war Liebigs Angaben zufolge der erste Fehlschlag im Erdbeobachtungsprogramm der Esa. Noch geht die Rechnung also auf. CryoSat-2 soll daran nichts ändern.

Eine Antwort zu Sag zum Abschied zweimal Servus

  1. […] Mo, 14. September: Der zweite CryoSat der ESA wird vorgestellt. […]

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