Wie die Nasa „Erfolg“ definiert

Ares I-X startet am

"Ares I-X" startet am 28. Oktober in den blauen Himmel über Cape Canaveral. (Foto: Nasa/Scott Andrews)

Gene Kranz, legendärer Flugleiter der Apollo-Missionen, hat einen Satz geprägt, der zum Leitmotiv des amerikanischen Mondprogramms werden sollte: „Failure is not an Option“. Vierzig Jahre später, beim zweiten Mondprogramm, hat sich daran offensichtlich nichts geändert. Die Nasa feiert den Testflug der Ares I-X, eines sehr frühen Prototypen der möglichen nächsten Mondrakete, als uneingeschränkten Erfolg. Dabei sieht die Realität etwas anders aus.

Wie sehr das Ares-Team, nach drei Jahren Entwicklung und teils harscher Kritik von Seiten der Politik, einen Erfolg gebraucht hat, zeigt eine kleine Episode während des ersten Ares-Startversuchs am vergangenen Dienstag. An der Spitze der knapp 100 Meter hohen Rakete hatte sich die Abdeckung einer Sonde, die vor dem Start entfernt werden musste, verhakt. Der Countdown konnte nicht fortgesetzt werden. Viele Minuten lang versuchten Techniker auf der Startrampe die Plane herunterzureißen. Als es ihnen schließlich mit vereinten Kräften gelang (ohne gleich die komplette Rakete umzuwerfen), bracht im Kontrollzentrum lauter Jubel aus – inmitten der heißen Phase des Countdown, normalerweise ein ziemlich ungewöhnliches Verhalten.

Kein Wunder also, dass auch der komplette Flug in den offiziellen Nasa-Veröffentlichungen als großer Erfolg gefeiert wird. Auf einer Skala von ein bis zehn würde Missions-Manager Bob Ess den Erfolg des Testflugs „ohne Frage“ mit einer glatten Zehn bewerten. Als größtmöglicher Erfolg, also. Ein Video, das die Nasa gestern veröffentlicht hat, belegt das allerdings nicht:

Vodpod videos no longer available.

Die Aufnahme aus einem etwa zehn Seemeilen entfernten Flugzeug zeigt deutlich (bei 5:02 min), dass einer der drei Fallschirme, die die ausgebrannte Raketenstufe sanft zurück zur Erde bringen sollen, beim Öffnen reißt; ein zweiter war nur teilweise entfaltet. Die Folge: Beim Aufprall auf den Atlantik bekam die Rakete eine mächtige Beule. Weder die Pressemitteilung noch der offizielle Flugbericht halten das für erwähnenswert. Auf der Nasa-Website wird die Information in der Bildunterschrift einer 1215 Fotos umfassenden Ares-I-X-Bildergalerie versteckt. Dort heißt es lapidar:

A dent in the first stage of the Ares I-X rocket was discovered by divers preparing to recover the spent stage following the launch of the flight test mission.

Mächtig verbeult: Die erste Stufe der

Mächtig verbeult: Die erste Stufe der "Ares I-X" schwimmt im Atlantik. (Foto: Nasa/USA)

Keine Frage: Der erste Teil des Flugs bis zum Brennschluss der ersten Stufe (einem kaum umgebauten Booster aus dem Shuttle-Programm, ausgestattet mit bewährter Atlas-V-Avionik) verlief offensichtlich genau nach Plan. Die gefürchteten Vibrationen, die vor allem von Ares-Kritikern und den Medien zum Thema gemacht worden waren, scheint die Nasa im Griff zu haben – zumindest bei dem Testmodell, das mit der echten Ares I wenig zu tun haben wird. Ein wichtiger Teil des Testflugs waren aber auch, das hatte die Nasa vorher klar gemacht, die Fallschirme, die noch dazu die am weitesten entwickelten und am intensivsten getesteten Komponenten des Ares-Programms sind. Ess versucht das Malheur („these little problems“) damit zu erklären, dass das Gewicht der Raketenstufe durch Messgeräte und Ballast um 15 Prozent höher war als bei der echten Ares I. Er vergisst aber zu erwähnen, dass die Fallschirme beim realen Flug auch mit höheren Geschwindigkeiten und Belastungen klarkommen müssen.

Aus Sicht eines Ingenieurs war der Flug wohl in der Tat ein voller Erfolg. Schließlich kann man bei einem Test aus nicht funktionierenden Komponenten mindestens so viel lernen wie aus tadellos arbeitenden Bauteilen. Das müsste man dann aber, wenn überhaupt, auch so kommunizieren und offensiv mit Fehlern umgehen. Falls es dumm läuft, bleibt durch die unreflektierte Jubel-Kommunikation bei der Bevölkerung, von deren Unterstützung das (finanzielle) Wohl und Wehe der Nasa letztlich abhängt, jedoch ein anderer Eindruck hängen: Irgendetwas hat da nicht geklappt, und die Nasa will es (mal wieder) unter den Teppich kehren. Außerdem lässt dieser Umgang mit Fehlern (selbst wenn es „nur“ ein Booster an einem Fallschirm war) die Sicherheitskultur und -kommunikation der Nasa erneut in einem schlechten Licht erscheinen.

Irgendwie war die Nasa in dieser Hinsicht zu Apollo-Zeiten, beim ersten Mondprogramm, schon weiter. Die Beinahe-Katastrophe von Apollo 13 wurde damals, Option hin oder her, ganz offiziell als „successful failure“ deklariert.

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