Die nackten Fakten

Gestelltes Foto aus den Anfangstagen der Terahertz-Scanner. Haben solche Bilder die Angst vor Nacktheit angefacht? (Foto: Qinetiq)

Gestelltes Foto aus den Anfangstagen der Terahertz-Scanner. Haben solche Bilder die Angst vor Nacktheit angefacht? (Foto: Qinetiq)

Nacktscanner – allein schon bei dem Begriff bekommt der gemeine Nachrichtenredakteur feuchte Hände. Das riecht nach Bedrohung, weckt die Angst vor dem Eingriff in die Privatsphäre, appelliert an eine diffuse Technikfeindlichkeit. Und nicht zuletzt verspricht es eine (zumindest für den gemeinen Nachrichtenredakteur) gehörige Portion Erotik. Kein Wunder, dass in der nachrichtenarmen Zeit zwischen den Jahren das Thema derzeit gerne – und häufig polemisch oder unreflektiert – hochgekocht wird. Versuchen wir es mal mit ein paar Fakten.

Die Technik

Mittel der Wahl für Körperscanner ist sogenannte Terahertzstrahlung. Mit Frequenzen von etwa tausend Milliarden Schwingungen pro Sekunde liegt sie irgendwo zwischen Mikrowellen und infraroter Strahlung – und führte lange Zeit ein Schattendasein. Zwar kannten Physiker den Wellenlängenbereich und seine ganz speziellen Eigenschaften (PDF), es existierten aber keine praktikablen Sender und Empfänger. Das änderte sich erst Mitte der 90er Jahre als Femtosekundenlaser mit extrem kurzen Pulsen aufkamen und als wenig später immer bessere Laser- und Mikrowellendioden entwickelt wurden.

Vor allem aber begeistern sich Physiker für die Eigenschaften der Terahertz-Wellen: Die Strahlung durchdringt Papier, Kleidung und viele organische Stoffe problemlos, wird aber von wasserhaltigen Objekten (wie dem menschlichen Körper) effizient reflektiert. Gleichzeitig liefert sie einen spektralen Fingerabdruck verdächtiger Substanzen – wie gewisser Sprengstoffe oder Medikamente. Dadurch eignen sich Terahertz-Wellen für die Materialprüfung (der Außentank des Space Shuttles wird zum Beispiel mit NacktTerahertz-Scannern untersucht), für die Lebensmittelkontrolle – oder eben für Sicherheitskontrollen an Flughäfen. Im englischsprachigen Raum heißen solche Geräte „Body Scanner“, also Körperscanner. Die Deutschen dagegen haben das sensationsheischende „Nacktscanner“ geprägt.

Die Strahlung

Anders als Röntgenstrahlung oder die kosmische Strahlung, der Passagiere während eines Flugs ausgesetzt sind (und die bis zur Hälfte der Röntgendosis während einer Schädelaufnahme entsprechen kann), sind Terahertzwellen nicht ionisierend. Das heißt, sie richten tief im Körper keine Schäden an, indem sie zum Beispiel Elektronen freischlagen und so gefährliche Radikale erzeugen. Terahertz-Strahlung, die nur ein Millionstel der Energie von Röntgenlicht hat, dringt allenfalls wenige Millimeter in den menschlichen Körper ein und wärmt diesen etwas auf. Das Deutsche Terahertz-Zentrum, ein Lobby-Verein für die Terahertz-Technologie, spricht sogar von „sanfter, das heißt sehr energiearmer Wärmestrahlung“.

Klingt harmlos, und in der Tat gibt es bislang keine Hinweise auf eine gesundheitsschädliche Wirkung der Terahertz-Wellen, die etwas hochfrequenter (und damit energiereicher) als zum Beispiel die Mikrowellenstrahlung von WLAN-Netzen sind. Letztlich ist aber auch das eine Frage der Dosis oder der eingesetzten Intensität. Eine noch bis Ende 2010 laufende Studie mit dem schönen Titel „Gentoxische Effekte von Terahertz-Strahlung in-vitro“ soll mehr Klarheit bringen. Auftraggeber ist das Bundesamt für Strahlenschutz.

Die Privatsphäre

Rein persönlich würde ich am Flughafen lieber gescannt als von wildfremden Menschen mit Plastikhandschuhen abgetastet werden. Ich verstehe aber jeden, der gerne im Schritt befummelt wird gegen Scanner Vorbehalte hat. Wobei sich die Befürchtungen hinsichtlich der Privatsphäre (oder der „Nacktheit“) technisch lösen ließen – sei es durch vollautomatisch arbeitende Scanner, durch Ausblenden aller menschlichen Teile des Bildes oder durch Operateure, die in einem abgetrennten Raum sitzen und keine Sichtverbindung zur gerade gescannten Person haben. Fällt der Maschine etwas auf, muss sich der Fluggast auf eine intensivere Kontrolle einstellen. Das kann ihm aber auch heute schon passieren – und auch noch willkürlich: Wer in die USA einreisen will und den falschen Namen hat, kann sich leicht in einer stinkenden Umkleidekabine wiederfinden, wo er sich seiner Kleider entledigen muss, wie Hasnain Kazim vergangenes Jahr sehr eindrucksvoll für Spiegel Online aufgeschrieben hat.

Hinzu kommt, dass die Scanner rein technisch nicht in der Lage sind, gestochen scharfe Nacktbilder zu liefern. Durch die relativ große Wellenlänge liegt die Auflösung für gewöhnlich bei etwa einem Millimeter; das reicht um Details zu erkennen, wirkt aber unscharf. Und wer den ganzen Tag vor so einem Monitor sitzen muss, findet das sicherlich so antörnend wie die Musterungsärztin, die tagein tagaus unbekleidete Männer husten lassen muss.

Die Akzeptanz

Das Unbehagen, die Vorbehalte oder diffusen Ängste gegen so eine Technologie beseitigen diese Argumente alle nicht – erst recht nicht in der derzeit sehr emotional geführten Diskussion. Hier würde nur helfen, offen zu zeigen, was Körperscanner können, wie sie funktionieren und wo ihre Grenzen liegen. Dem stehen aber Patente, vor allem aber Sicherheitsbedenken entgegen. Ein Dilemma.

Akzeptanz schafft man durch eine verpflichtende Einführung solcher Geräte mit Sicherheit nicht. Warum nicht Körperscanner zunächst freiwillig anbieten, in einer Art „Fast Lane“ bei der Sicherheitskontrolle? Wer dem nicht traut, kann weiterhin durch die traditionelle Kontrolle gehen – mit der Gefahr, länger warten zu müssen und im Verdachtsfall deutlich gründlicher kontrolliert zu werden als bislang. Bei der Einführung elektronischer Tickets (zugegebenermaßen in puncto Privatsphäre nicht so heikel) hat so ein Vorgehen ja auch funktioniert.

Die Sicherheit

Klar ist auch: Körperscanner hätten einen Vorfall wie den zwischen Amsterdam und Detroit wahrscheinlich verhindert, hundertprozentige Sicherheit wird aber es nie geben. Technik lässt sich überlisten, Menschen machen Fehler oder sind bestechlich. Letztlich läuft es daher auf die Frage hinaus, wie das Verhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit in einer Gesellschaft austariert werden sollte – und ob wir höchstmögliche Sicherheit wollen, auch wenn das Unbehagen oder Einschränkungen der Bürgerrechte auslöst.

Dass ausgerechnet ein dubioser Attentatsversuch, von dem unabhängige Beobachter nicht sagen können, wie gefährlich die angeblich 80 Gramm Nitropenta in der Unterhose des vermeintlichen Attentäters wirklich waren, jetzt für eine Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen herhalten muss, ist jedenfalls deutlich fragwürdiger als die Gefahr durch Körperscanner.

Aber im Grunde muss solche Fragen die Gesellschaft klären. Die Technik kann dabei nur das Werkzeug sein.

8 Antworten zu Die nackten Fakten

  1. […] This post was mentioned on Twitter by Alexander Stirn, Marcus Anhäuser. Marcus Anhäuser said: RT @Stirn: Warum Nackt-, äh Körperscanner an sich nicht böse sind – allenfalls die aktuelle Diskussion darüber: http://is.gd/5IGEg […]

  2. christianhauck sagt:

    „offen zu zeigen, was Körperscanner können, wie sie funktionieren und wo ihre Grenzen liegen. Dem stehen aber Patente … entgegen“. Wieso? Patente sind doch öffentlich. Beispiele: http://www.google.com/patents?q=terahertz+body+scanner&btnG=Search+Patents . Das Patent verbeitet doch nur die (kommerzielle) Nutzung, nicht das Wissen.

  3. datenritter sagt:

    Es ist nicht der Konflikt zwischen Sicherheit und Freiheit, um den es geht. Beide bedingen sich gegenseitig. Es geht vielmehr um den Gegensatz zwischen Freiheit und Kontrolle.

  4. Mithos sagt:

    Wenn die Scanner kommen, werden sie sich früher oder später auch weiter verbreiten und nicht nur auf Flughäfen eingesetzt. Vielleicht haben wir dann neben Videoüberwachung auch weit verbreitet solche Scanner an vielen Orten im öffentlichen Raum. Ich denke da an große Bahnhöfe, Stadien oder gar Kaufhäuser.

    Problem ist meiner Meinung nach die manuelle Auswertung. Bei größerer Verbreitung werden wir früher oder später Bildersammlungen von Prominenten, Personen mit Intimschmuck/ körperlichen Auffälligkeiten bis hin zu Minderjährigen haben. Dagegen hilft eigentlich nur, dass die Dinger zu vollautomatischen Detektoren ohne Bilderzeugung umgebaut werden. Bei Detektion dann wie bisher manuelle Kontrolle, der Scanner kann noch angeben, wo am Körper er was detektiert haben will.

    Geschwindigkeit der Kontrolle darf kein Argument sein. Menschenwürde darf nicht gegen Geschwindigkeit aufgewogen werden. Zeit ist Geld, Misstrauen gegen Körperscanner(-Bediener-Diskretion) darf nicht mit indirekten Geldstrafen bedacht werden.

  5. Jock sagt:

    Wovor haben wir eigentlich Angst, wenn alle, die es tatsächlich geschafft haben Sprengstoff an Bord eines Flugzeuges zu schmuggeln („Schuhbomber“, Detroit-Vorfall), nichtmal in der Lage sind diesen effektiv umsetzen zu lassen?
    Echte terroristische Organisationen bzw. Geheimdienste, die tatsächlich Anschläge zu verüben in der Lage sind, werden Sprengsätze und Waffen garantiert nicht durch die Sicherheitskontrollen bringen müssen, es ist viel einfacher soetwas durch Personal auf dem Boden an Bord bringen zu lassen.
    Die Personenkontrollen wurden schon seit Jahrzehnten immerwieder als mangelhaft entlarvt, trotzdem gab es praktisch keine Anschläge und nur extrem wenige Entführungen, üblicherweise durch psychisch belastete Personen, die keine weitergehende Bedrohung darstellten.
    Es besteht also in der Realität keine Bedrohungslage, die einen solchen Eingriff in die Intimsphäre der Passagiere auch nur im entferntesten rechtfertigen würde.
    Die Gründe für das Pushen dieser Technologie müssen also woanders zu suchen sein, etwa bei der „Lobbyarbeit“ der beteiligten Scanner-Lieferanten, Massentest zwecks späterer Ausweitung auf Bereiche ausserhalb des Luftverkehrs oder der durch agendasetzende neokonservative Kreise gewollten zunehmenden Gewöhnung der Bevölkerung an umfassende Kontrollmaßnahmen.

  6. tj sagt:

    Ein sehr kluger und besonnener Artikel, den ich auch zum Lesen weiterempfehlen werde. Dennoch bleibe ich bei meiner äußerst kritischen Haltung gegenüber Nackt-, Terhahertz- oder Körperscannern – nenn sie wie Du willst. Die Geräte mögen ja funktionieren, aber mich stört die Hysterie, mit der sie auf einmal als das neue Allheilmittel gepriesen werden, zumal die Forderungen ja noch viel weiter gehen. Letztlich dient ein vermasselter Anschlag wieder einmal als Vehikel für Kontrollfanatiker, die Schraube Richtung Überwachungsstaat ein Stück weiter zu drehen. Wie wäre es, wenn alle einfach für zwei Wochen in Urlaub führen (oder flögen, mir egal) und danach noch einmal in Ruhe nachdenken, was getan werden sollte?

  7. zakum sagt:

    Von einer Bildersammlung war aber meines Wissens nie die Rede! Woher nimmst du die Information, dass Aufnahmen permanent gespeichert werden sollen, Mithos?

    Jeder Mann MUSS sich in einem bestimmten Alter der Musterung unterziehen, zu der er sich ausziehen muss. Ist das deiner Meinung nach ein Eingriff in die Menschenwürde?
    Ist das Befummeln (fachlich: „Abtasten“), auch im Intimbereich, vor Konzerten und in genau jenem Flughafen kein solcher Eingiff?

    Da misst du aber scheinbar mit zweierlei Maß, lieber Mithros.

    Dein Argument zur Verbreitung zieht mMn nicht. Da wo jetzt abgetastet wird, wird später eben gescannt. Wo nun nicht abgetastet wird, wird auch in Zukunft nicht gescannt werden. Warum auch?

    Was wir hier haben, ist also ein Eintauschen: Fummeln gegen „Gucken“. Wo liegt hier die Verletzung der Menschenwürde? Im Wechsel des Sinneskanals beim Rezeptor?

  8. Andreas sagt:

    Die Musterung ist selbstverständlich ein Eingriff in die Menschenwürde und sollte zusammen mit der Wehrpflicht endlich abgeschafft werden.

    Das Abtasten habe ich bisher nie als annähernd unerträglich erlebt, wie ich mir das Nachtscannen vorstelle. Persönliches Empfinden oder Glück, den richtigen Kontrolleur erwischt zu haben? — Ich weiß es nicht; daher halte ich die Idee mit der „Fast Lane“ prinzipiell für gut. Ich sehe allerdings die Gefahr einer slippery slope: erst freiwillig, dann nach ein paar Jahren verpflichtend; so läuft es doch meistens bei Instrumenten der „inneren Sicherheit“.

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