2009: Weniger Unglücke, mehr Unsicherheit

Was von Flug AF447 übrig blieb: In einem Hanger in Toulouse sind die Fundstücke ausgelegt - dort, wo sie bei einer intakten Maschine auch anzutreffen wären. (Foto: BEA)

Was von Flug AF447 übrig blieb: In einem Hanger in Toulouse sind die Fundstücke ausgelegt - an den Stellen, an denen sie bei einer intakten Maschine auch anzutreffen wären. (Foto: BEA)

Wer ans Luftfahrtjahr 2009 zurückdenkt, denkt zwangläufig an ein schwarzes Jahr für die Passagierfliegerei. Da war der Absturz von Turkish Airlines Flug 1951 beim Landeanflug auf Amsterdam. Da war das Verschwinden von Air France Flug 447 über dem Atlantik. Da war wenige Wochen später der Absturz von Yemenia Flug 626 vor den Komoren. Und da war – zumindest vom Gefühl – noch viel, viel mehr. Die Statistik zeichnet allerdings ein ganz anderes Bild.

Auf lediglich elf tödliche Unfälle bei Passagierflügen im Jahr 2009 kommen die Aufzeichnungen des Aviation Safety Network (ASN), das eine umfassende Datenbank zu Flugunfällen unterhält. Das ist der niedrigste Wert seit 60 Jahren. (Gezählt werden dabei nur Zwischenfälle mit Maschinen, die für mindestens 14 Passagiere ausgelegt sind, außerdem keine Business-Jets).

Insgesamt – mit Fracht-, Überführungs-, Trainings- und ähnlichen Flügen – gab es im vergangenen Jahr nach ASN-Zählungen 30 tödliche Unfälle (2008: 32 Unglücke; 2007: 26 Unglücke). Dabei starben 757 Menschen an Bord der Maschinen; der Zehn-Jahres-Schnitt von 1999 bis 2009 liegt bei jährlich 32 Unfällen und 802 Toten.

Ein paar weitere Details aus der ASN-Statistik:

  • Zwei Drittel aller Unfälle ereigneten sich während der kritischsten Phasen eines Flugs – also während des Starts,  des anschließenden Steigflugs, des Landeanflugs oder der Landung.
  • Fünf der 30 Unglücksmaschinen standen auf der Schwarzen Liste der EU.
  • Afrika erwies sich wiederum als gefährlichstes Land für die Fliegerei: 30 Prozent aller tödlichen Unglücke entfallen auf den afrikanischen Kontinent. Bei den Staaten liegen Iran und Indonesien mit je drei Unfällen vorne.
  • Ein Attentatsversuch, ein Beschuss vom Boden und vier Entführungen (bzw. Entführungsversuche) verzeichnet die Statistik fürs Jahr 2009. Eine Frau wurde dabei verletzt, niemand starb.

Dass 2009 gefühlsmäßig dennoch als eher schlechtes Jahr für die Luftfahrt in Erinnerung geblieben ist, liegt an zwei Gründen: Die schweren Unglücke mit vielen Toten fanden alle innerhalb weniger Wochen statt; außerdem hatten viele Unglücke einen Bezug zu Europa (und sei es nur über die in Europa gebauten Airbus-Maschinen), was zu überproportional viel Berichterstattung geführt hat. Vor allem aber neigen die Medien dazu, nach schweren Unglücken jeden kleinen Zwischenfall und jede unplanmäßige Zwischenlandung zur Notlandung oder zum Beinahe-Unglück hochzuschreiben. Das potenziert den Eindruck, Fliegen sei aktuell besonders unsicher.

Sicherer, aber nicht sicher genug

Jährliche Zahl der tödlichen Flugzeugunfälle seit 1946. In Pink der jeweilige Zehn-Jahres-Schnitt. (Grafik: Air Safety Network)

Jährliche Zahl der tödlichen Flugzeugunfälle seit 1946. In Pink der jeweilige Zehn-Jahres-Schnitt. (Grafik: Air Safety Network)

Der Einschätzung von ASN-Gründer Harro Ranter, die Luftfahrt sei im vergangenen Jahrzehnt immer sicherer geworden, kann ich trotzdem nur zum Teil zustimmen. Zwar ist der Zehn-Jahres-Schnitt der Zahl tödlicher Unfälle seit 2000 kontinuierlich gefallen und liegt nun so tief wie noch nie. Zwei Ereignisse des vergangenen Jahres zeigen aber, dass in puncto Sicherheit noch einiges getan werden kann:

Wenn Passagierflugzeuge der Airbus A330- und A340-Familie monatelang mit nicht optimal arbeitenden, leicht vereisenden Staurohren durch die Gegend fliegen dürfen, die schon in mehr als einem Dutzend Fällen zu kritischen Flugsituationen geführt hatten, zeugt das nicht gerade von einem hohen Sicherheitsbewusstsein.

Und dass der Absturz von AF447 auch nach mehr als einem halben Jahr noch nicht einmal ansatzweise geklärt ist, heißt im Umkehrschluss, dass ein ähnliches Unglück jederzeit wieder passieren kann. Zwar hat die französische Luftsicherheitsbehörde BEA kurz vor Weihnachten einen zweiten Zwischenbericht (PDF) veröffentlicht, der lässt den Absturz aber nur noch mysteriöser erscheinen:

  • Offensichtlich falsche Geschwindigkeitsmesswerte (möglicherweise aufgrund vereister Pitotsonden) führten demnach dazu, dass sich die Autopiloten abschalteten und der Bordcomputer auf ein Alternativprogramm wechselte.
  • Die Maschine traf intakt, mit hoher vertikaler Geschwindigkeit aufs Wasser auf. Die Tragflächen waren dabei weder zur einen noch zur anderen Seite geneigt, die Nase war leicht oben gezogen.
  • Es gab keinen Druckverlust auf Reiseflughöhe, die Sauerstoffmasken waren nicht im Einsatz.
  • Nichts deutet auf eine versuchte Notwasserung hin: Die Crewplätze waren nicht besetzt, die Schwimmwesten nicht benutzt, die Klappen nicht ausgefahren.

Im Februar soll nun ein neuer Versuch unternommen werden, die Flugschreiber doch noch zu finden. Nur so lassen sich die Ursachen für den Absturz ergründen – und Lehren für eine sicherere Zukunft ziehen.

Eine Antwort zu 2009: Weniger Unglücke, mehr Unsicherheit

  1. […] This post was mentioned on Twitter by Andreas Schepers, Alexander Stirn. Alexander Stirn said: Frisch gebloggt: Bilanz des Luftfahrtjahrs 2009 – Weniger Abstürze, mehr Unsicherheit http://is.gd/5LHyU […]

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: