Verfressene Astronauten

Damit ihre männlichen Mit-Astronauten stilvoll den Superbowl anschauen können, bereitet Sandra Magnus schon mal die Snacks vor. (Foto: Nasa)

Damit ihre männlichen Mit-Astronauten stilvoll den Superbowl anschauen können, bereitet Sandra Magnus schon mal die Snacks vor. (Foto: Nasa)

Wer in den vergangenen Wochen die Berichterstattung über die Internationale Raumstation ISS verfolgt hat, könnte zu dem Schluss gekommen sein, dass die Astronauten an Bord nichts anderes zu tun haben als zu essen, noch mehr zu essen, ein paar Sammlerstücke durch die Gegend zu fliegen und die Welt mit Kurznachrichten aus dem All zu unterhalten. Lustig. Aber muss das – in dieser Fülle – sein?

Hier mal eine (völlig subjektive) Auswahl an ISS-Meldungen aus den vergangenen Wochen:

  • Kurz vor Weihnachten verkündet die Nasa per Pressemitteilung, dass Astronautin Sandra Magnus ihre beiden männlichen Kollegen während der Weihnachtszeit 2008 mit großer Freude bekocht hatte (die Geschlechterrollen im All sind offenbar ziemlich traditionell). Zum Beweis gibt es einen – durchaus interessanten – Erfahrungsbericht über die orbitale Kocherei.
  • Derweil kündigt der japanische Astronaut Soichi Noguchi an, dass er seine Kollegen zwischen den Jahren mit Sushi erfreuen will. Auch für Weihnachten ist eine kulinarische Überraschung angekündigt.
  • Gastronomische Unterstützung gibt’s – mal wieder – von einem Sternekoch, der sich nicht zu schade war, für die Astronauten (und die eigene PR) Dosenfutter zu produzieren – und bei dem sich die Raumfahrer dafür auch artig bedankten.

Aber es wird nicht nur gemampft:

Spielzeug im Orbit: Buzz Lightyear war 15 Monate im All und wurde anschließend herumgereicht wie ein echter Astronaut. (Foto: Nasa)

Spielzeug im Orbit: Buzz Lightyear war 15 Monate im All und wurde anschließend herumgereicht wie ein echter Astronaut. (Foto: Nasa)

  • Beim Superbowl in zwei Wochen entscheidet eine durchs All geflogene Münze darüber, welche Mannschaft als erste in Ballbesitz kommt. Beim Shuttle-Flug zur ISS Ende November waren ein Trikot von Lance Armstrong, ein Trikot vom All-Star-Game der Basketball-Liga NBA und diverse weitere Sportlerhemden an Bord, die anschließend öffentlichkeitswirksam herumgezeigt wurden. Und bereits im Oktober wurde eine Buzz-Lightyear-Puppe, die mehr als ein Jahr an Bord der ISS verbracht hatte, mit einer Parade in Disney World geehrt (zusammen mit dem echten, unvermeidlichen Buzz und dem löblichen Hintergedanken, dadurch Schüler für Weltraum-Experimente zu begeistern).
  • Seit wenigen Tagen können die Nasa-Astronauten an Bord der ISS ohne fremde Hilfe twittern und so die Welt an ihren Erlebnissen teilhaben lassen. Bislang war das nur indirekt mit irdischer Hilfe möglich (was nicht bedeutet, dass die Nasa-Pressestelle nicht auch jetzt jeden Tweet noch vorher gegenlesen will).

Keine Frage: Es ist ungemein wichtig, den Menschen auf der Erde den Alltag im Weltall näher zu bringen, Interesse an der bemannten Raumfahrt zu wecken, vielleicht sogar Begeisterung. Und das ganz besonders bei der jüngeren Generation. Dazu können solche Dinge viel beitragen.

Nur muss den Kommunikatoren auch klar sein, dass die Massenmedien bei einem so großen Angebot an weichen ISS-Meldungen die seriöseren technisch oder wissenschaftlichen Ereignisse im Zweifelsfall hinten runterfallen lassen. Das kann durchaus gewünscht sein, wenn zum Beispiel das US-Pendant zum Bundesrechnungshof kurz vor Weihnachten warnt, dass die Nasa die ISS nie vollständig nutzen kann und – dabei vor lauter Braten und Sushi kaum auf Gehör stößt.

Langfristig ist allerdings das Risiko viel größer, dass die Menschen die ISS nur noch mit Essen, Trinken und Spaß verbinden. Dass sie sich sagen: Die da oben, in ihrer 100 Millionen Euro teuren Blechbüchse, machen ja nichts anderes, als sich den ganzen Tag den Bauch vollzuschlagen und sich anschließend über defekte Toiletten zu beschweren.

Die große Frage, gerade angesichts des PR-Feuerwerks der vergangenen Monate, ist daher: Gibt es denn keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, die vermeldens- und berichtenswert wären? Und diese Frage ist keinesfalls rhetorisch gemeint.

2 Antworten zu Verfressene Astronauten

  1. […] This post was mentioned on Twitter by Andreas Schepers, Alexander Stirn. Alexander Stirn said: Neu im Blog: Verfressene Astronauten – womit die #ISS so von sich reden macht. http://is.gd/70kuM […]

  2. Aspirin im Weltraum…

    Alexander Stirn hat sich ja kürzlich erst wieder beschwert, dass zuviel über die „verfressennen Astronauten“ berichtet wird. Ich weiß nicht, ob diese Geschichte auch dazu gehört – meiner Meinung nach nicht, denn auch wenn es entfernt ums Essen geht i…

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