Singsang im Orbit

17. Mai 2009
iss

ISS-"Schalte" während des Eurovision Song Contests (Screenshot: Das Erste)

Die Russen haben ja ein Händchen für die Kommerzialisierung des Kosmos: Pizza-Werbung auf der Mir, ein werbewirksamer Golfschlag auf der Internationalen Raumstation, immer wieder zahlungskräftige Weltraum-Touristen. Und nun eine Schaltung zur ISS im Rahmen Eurovision Song Contest, während der Kommandant Genadi Padalka und Flugingenieur Koichi Wakata die Telefonabstimmung freigaben.

Im Prinzip ist gegen solche Aktivitäten auch nichts einzuwenden. Das teure Hobby „bemannte Raumfahrt“ muss schließlich bezahlt werden – und da ist jeder Rubel recht. Laut ISS-Vertrag und Abmachung mit den Amerikanern steht den Russen die Hälfte der Arbeitszeit der ISS-Crew zu, die nicht für Aufbau, Betrieb und Unterhalt der Station benötigt wird (auf Deutschland entfallen übrigens schlappe 1,6 Prozent). In dieser Zeit kann Russland die Astronauten mehr oder weniger das machen lassen, was es will.

Dumm nur, wenn wie beim Song Contest so getan wird, als handle es sich um einen echten Inflight-Call – also eine Live-Übertragung aus dem All. Denn anders als zu seligen Mir-Zeiten stehen die Dienstpläne der ISS-Besatzung heute frei zugänglich im Web. Und die zeigen, dass die Crew zur Zeit des ESC-Abstimmungsbeginns (etwa 2100 GMT) mit „Schlafvorbereitungen (Abendessen, tägliche Essensvorbereitung, Abendtoilette)“ beschäftigt waren. Erst weit zurück in den Dienstplänen wird man fündig. Am 6. Mai 2009 befahl der Dienstplan:

19:15-19:30 CDR & FE-2: TV-Greetings to Parachute Research and Development Institute on the 50th
Anniversary; TV Greeting to Eurovision Participants (Ku + S-band)

Sieht ganz so aus, als sei der ach so spontane „historische Aufruf“ schon zehn Tage vor Beginn der Abstimmung aufgezeichnet worden.

Nachtrag, 1. Juni 2009: Der Kollege Marcus Anhäuser hat dankenswerterweise mal bei den Verantwortlichen nachgefragt (siehe sein Kommentar weiter unten). Natürlich stimmt es, dass in der Sendung nicht von einer Live-Schaltung gesprochen wurde – das hat auch niemand behauptet. Die Moderatoren haben allerdings nichts unternommen, um diesen Live-Eindruck gar nicht erst aufkommen zu lassen.

gar nicht erst aufkommen zu lassen.http://www.scienceblogs.de/plazeboalarm/